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Möpkenbrot ist eine westfälische Spezialität aus Blut, Schwartemasse und gewürfeltem Speck, dazu Roggenmehl oder Roggenschrot. Am besten schmeckt es heiß aus der Pfanne. Möpkenbrot macht satt und glücklich. In diesem Zustand neigt der Westfale dazu, die Welt mit heiterer Gelassenheit zu betrachten.

Herbst & Niederlande & Knokke

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Knogge im Oktober

Das war`s dann mit dem Sommer, es wird Herbst. Und Schluss ist mit dem leichten Leben.

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Amsterdam & Boote & Geschmack

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Man zieht um

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Man ist cool

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Man liegt rum.

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Man liegt rum.

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Man ist wirklich mutig.

Der Amsterdamer und seine Amsterdamerin lieben Boote und Grachten. Als Besucher schaut man sich die Boote an und entdeckt, dass ihr Design einer traditionellen Ästhetik folgt, die dem holländischen Bootsbauer-Gen seit alter zeit innewohnt: Es ist der Holzschuh, die seit Jahrhunderten überlieferte Fußbekleidung, die Matsch und Wasser trotzt. Wie mir ein westfälischer Holzschumacher erklärte, erfüllen Holzschuhe, die vom Meister geschitten werden,  Arbeitsschutznormen, weil sie eine Hitze von 400 Grad und einen Druck von 1000 Kilogramm  ertragen. Ungefähr nach diesen Vorgaben wählen die Amsterdamer ihre unverwüstlichen Grachtenfahrer aus. Das ist jetzt nicht die ganz leichte Eleganz, bietet aber trotzdem einen staunenswerter Anblick.

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Man feiert!

Antwerpen & Bahnhof & Terror

 

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Der Bahnhof von Antwerpen ist eine Kathedrale der technischen Moderne. Der Reisende geht von den tiefliegenden Gleisen über breite Treppen immer weiter aufwärts, den Blick unabwendbar in die endlos hohe, weitgespannte Glasdecke gerichtet, die den Bahnhof überdacht. Mit fast gotteslästerlicher Frechheit hat der Architekt die Stirnseite der Bahnhofshalle wie einen christlichen Hochaltar gestaltet – eine herausfordernde Geste der menschgemachten Technik gegen die göttliche Fügung.

Auf den Absätzen der Bahnhofstreppen patrouillieren Soldaten mit Sturmgewehren und schwerer Ausrüstung, die nicht fotografiert werden wollen. Die Sorge vor islamistischen Anschlägen geht um.

Man denkt: Der Terror von Gottesfürchtigen fordert die von der gottlosen Technik geprägte Gesellschaft heraus.

Später wird in ihrer Wohnung die Schriftstellerin Saskia de Coster sagen, sie halte das eher für Folklore. Sie wisse nicht, was diese Soldaten dort eigentlich bewirken sollen. Und wenn sie da schon stünden, müssten sie statt ihrer gefleckten Tarnanzüge in Herbstlaubfarben doch eher eine Camouflage mit Backsteinmuster tragen.

Mehr zu Saskia de Coster in der Sendung „Schreiben im Bruegel-Land“ im Kulturradio vom rbb, am 15.10. 2016, um 19.04

 

Salzburg & Jedermann & und Geld und Teufel

 

 

Zum „Jedermann“nach Salzburg:

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Das Spiel beginnt mit einem Maskenumzug der Darsteller, Das Spiel beginnt mit einem Maskenumzug der Darsteller,

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die zum Dom ziehen, umgeben von vielen Menschen, die sich dicht an die Figuren und Musiker drängen, um mit Handys oder Tablets Fotos zu machen.

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Dann vor dem Dom eine langgezogene Bühne quer zum Gotteshaus. Der Bühnenbau ist sparsam, eine erhöhte Fläche als Spielort, eine Reihe von Tischen für ein Gelage, Pfosten, um Tücher hochzuziehen oder Engel in der Luft schweben zu lassen.

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Faszinierend die Puppen: der riesige Kopf des Mammon, der aus einer Geldkiste herauskommt (wie kam er da hinein?) und dann kommen noch Arme und Beine dazu, die der Figur angesteckt werden. Aus dem Kopf erhebt sich noch der Schauspieler des Mammon, der im Kopf seine Spielfläche hat.
Einleuchtend und ergreifend auch die Puppe, die Jedermanns gute Taten darstellt: sie ist klein und schmächtig mit dünnen Ärmchen und Beinchen, die die Schauspielerin mit Stöckchen bewegt – natürlich sind die guten Taten unterernährt, selbst hilfsbedürftig und doch sind sie es, die den Jedermann vor der Verdammnis retten müssen. Sie und der Glaube. Wenn es denn gut geht….

Ergreifend: Der lange, langsame Gang des Todes von rechts nach links mit einem toten Mädchen auf dem Arm, nur um dem Jedermann eine Mahnung von gerade einmal einem Satz zuzurufen, dass er die Zeit nicht verschenken soll.
Das Publikum – atemlos still. Gelegentlich weibliches Gekicher, weil der Teufel, ein rot gekleideter, feister, urviehhafter Mann mit gewaltigem Gemächt, seine Genitalien angeberisch & lustvoll schaukeln lässt.
Im Publikum Arzt und Polizei – wer immer den westlichen Lebensstil verachtet, hätte hier reichlich zu verachten. Man hat Geld (die Eintrittskarten sind nicht billig, ich habe für einen Platz in Reihe 14 €105 gezahlt) und zeigt dies auch in der Kleidung. Vele Frauen tragen Dirndl oder doch eine aufgewertete Version, die auf die alte Tracht zurückgeht. Männer tragen vielfach Lederhosen, knielang, und verziert mit aufgenähten Applikationen oder eingepunzten Mustern. Man trägt, was ich schön finde, regionalen Chic. Der geht schnell in den vierstelligen Bereich, vor allem, wenn er in Salzburg gekauft und bezahlt wurde.

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Nach dem Stück die andere Parade – nicht mehr Schauspieler mit grotesken Masken, die mahnen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, sondern schwarze Nobel-Audi mit jungen Fahrern in schwarzen Anzüge, weißen Hemden und schwarzen Krawatten – die Großkopfeten und die anonymen Banker lassen sich standesgemäß aus der Gefahrenzone tragen.

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Das Lokal vor Mozarts Geburtshaus (wie eine große Schrift verkündet) versammelt nach der Vorstellung die feine Gesellschaft Salzburgs in Dirndl, Lederhose und Armanis zum Champagner an den Tischen mit gesteiften, weißleinenen Decken oder (für die, die mehr brauchen und das zügig) am Stehtisch nahe dem Tresen.
Ein Kenner der Stadt empfindet den „Jedermann“ als masochistisches Spiel – in Salzburg gibt es eine reiche Oberschicht, die auch gern zeigt, was sie hat – und die lässt sich im Stück erklären, wie unwichtig Geld ist und wie wichtig dagegen gute Taten.
Autor Von Hoffmannsthal und Erst-Regisseur Max Reinhardt (der vor Salzburg ein Schloss besaß, das später die Nazis als jüdischen Besitz enteignet haben) haben das Stück als moralisch-monetäres Gruselspielevent konzipiert. Die Konfliktstellung: Glaube-an-das-Geld versus Glaube-an-Gott/Kirche.
Ist das glaubwürdig? Zumal die prachtvolle Domfront als Kulisse ja eben nicht von der Verachtung des Geldes zeugt: Genau genommen denkt die Kirche über Geld ganz anders.
Am Ende ziehen alle in einem lustigen Festumzug dem Tod (ganz in weiß) hinterdrein.

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Queen&Kommerz&Deutschlandfunk

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Das royal warrant bei Fortnum & Mason

 

Mit dem Royal Warrant, das die Zustimmung der königin zu einem Lieferanten siganlisiert – aber beileibe kein Qualitätsurteil abgibt – schmücken sich ca. 300 Produzenten und Zulieferer. Mit anderen Worten – die Queen macht Werbung. Was man so noch nicht bedacht hatte – dazu habe ich einen Beitrag für die Sonntagsspaziergängen im DLF gemacht: hier der Link zum Nachhören

 

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Das Kundenbuch des Parfümeurs Floris

 

Kunst&Promenade&Geld

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Knokke-Heist in Belgien, eine offenbar recht wohlhabende Stadt mit – für einen Strandort – ausgesprochen vielen Galerien. Deren Lockangebote machen die Stadt zu einer Freiluft-Ausstellung. Der Flaneur ist hin- und hergezogen zwischen überteuerten Strandlokalen, die „auf Sylt“ machen, und Galieren, die Kunst für Ferienwohnungen verkaufen. Und geht grade aus. Ganz grade.

Haifische&Holland&Hobby

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Am Strand des „Ertrunkenen Schwarzen Polders“ gehen sie tief gebeugt. Zwischen Cadzand und Nieuwesluis ziehen sie im Gegenlicht vor der grünblau schimmernden Hintergrund der Nordsee. Sie sehen aus, als würden Sie in Buße wandeln tun.  Andere mögen am Strand toben und in die Wolken schauen – aber diese hier halten den Blick fest auf den Strand gerichtet. Was suchen sie inmitten einer millionenfachen Ansammlung von Muscheln, Muschelbruchstücken, Kieseln und Kieselchen und Klumpen von Sand?

Es sind schwarze, spitze Zähne. Haifischzähne. Kleine Haifischzähne. Man denkt, nach Kronkorkensammeln und Leistungsgrillen gäbe es wohl kaum einen abwegigeren Freizeitsport – aber nein. Haifischzahnsuchen schlägt alles.

 

Die Zähne sind in der tat etwas Besonderes – sie sind Millionen Jahre alt, stammen aus dem Päleozän, Eozän, Oligozän, Milozän, Pilozän und manchmal auch vom Pleistozän. Ich erwähne das für den Fall, dass diese Begriffe irgendjemandem etwas sagen. Sie sind also alt und demzufolge angemessen schwarz. Weswegen man Augen haben muss wie ein Luchs, um die letzten Überreste vergangener Haie zu finden.

 

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Einen tief gebeugten Herren im Rentenalter habe ich gefragt, was er dort tue und er erklärte mir, er suche Haifischzähne. Als sei das ganz und gar normal. Ich hatte auch den Eindruck, dass er mich für etwas weltfremd hielt, weil ich vom Haifischzahnsammeln nie gehört hatte.

Um die Zähne von heringsgroßen Haien zu finden, braucht man extrem scharfe, auf das Objekt geschulte Augen und naturgemäß angemessene Hilfsmittel. Was gut ist für Goldwäscher, ist auch gut für die Haifischzahnsucher. Irgendwer hat die Marktlücke erkannt und gleich genutzt: Schon hat sich eine Zahlsucherindustrie etabliert.

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Hat man dann seine mühsam ersammelte Beute (Details erfahren Sie bei Nacken und Rücken und tränenden Augen), steht man mit seinem Eimerchen zuhause und fragt sich: Was mache ich damit? Was kann man mit den Zähnchen machen? Nichts!

Wegwerfen geht auch nicht – es steht Arbeit, Sammelleidenschaft, Freizeiterinnerung und das kritische Gefühl darin, einen ganzen Nachmittag lang einer sinnfreien Beschäftigung nachgegangen zu sein. Die Zähnchen haben definitiv einen Wert bekommen.

Nun gut – jetzt liegen die nadelspitzen Zähnchen im Badezimmer in einem alten Marmeladenglas und erinnern mich an einen Strandurlaub und daran, dass ich mir die Zähne gut sauber halten muss, damit nicht eines Tages neben den schwarzen Zähnchen ein Glas mit weißen Zähnen steht. Sie haben eine Lehre für mich!IMG_7949

Vielleicht liegen sie auch einfach nur herum.

Pfaueninsel & Glas & Alchemisten

Johann Kunckel auf der Pfaueninsel

 

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Schloss auf der Pfaueninsel

Auf der Pfaueninsel im Berliner Wannsee wird eine kleine Ausstellung eröffnet. In der so genannten Meierei, die am nördlichen Ende der Insel liegt und früher der Milcherzeugung diente: dort wird an das Wirken des Alchemisten Johann Kunckel erinnert. Kunckel sollte in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit seinen Experimenten den brandenburgischen Staatshaushalt sanieren. Rubinglas hieß das Zauberwort.

Glas kannten schon die alten Römer und in Venedig konnte man es für teures Geld kaufen. Da fragt man sich, warum musste auf der einsamen Insel abseits der Residenzstädte Berlin und Potsdam mit etwas experimentiert werden, was schon längst erfunden worden war?

Im 17.Jahrhundert aber waren gerade die königlichen und fürstlichen Landesherren  besessen von der Suche nach der so genannten „Transmutation“, also der Umwandlung von weniger wertvollen Stoffen in wertvolle Stoffe. Kerngedanke war die Verwandlung von billigen Metallen in Reichtümer bildendes Gold.

Wie man das schafft, das sollten die Alchemisten herausfinden. Oder – wenn das nicht ging, dann sollten sie wenigstens aus Allerwelts-Mineralien Edelsteine schmelzen.

Johann Kunckel war 1635 in Plön in Holstein geboren worden. Er hatte eine Ausbildung zum Glasmacher und Apotheker durchlaufen, hatte sich verdient gemacht um die Entdeckung des Phosphors und andere naturwissenschaftliche Erkenntnisse.

Der Große Kurfürst von Brandenburg hatte 1678 Johann Kunckel von seinem sächsischen Standeskollegen abgeworben und finanzierte dessen Glasexperimente. Der Kurfürst überließ Kunckel 1685 die Pfaueninsel – „erb- und eigentümlich“, wie es hieß. Damit Kunckel das Glas schuf, das dem Edelstein so ähnlich war wie nur möglich.

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Die Meierei – hier wurde Glas geschmolzen

Der Standort auf der Pfaueninsel hatte einleuchtende Vorzüge. Zum einen half die Insellage bei der Geheimhaltung, obwohl ein einigermaßen geübter Schwimmer die Strecke bis zum Festland leicht in 10 Minuten schafft. Die Pfaueninsel war nicht „Alcatraz“ und so war das kurfürstliche Verbot, dass allen Bewohnern der Insel – also Kunckels Mitarbeiter und Familien – strengstens untersagte, das Eiland in der Havel zu verlassen, ein hilfreiches Machtwort. Zum Ausgleich durften sie Bier brauen.

Außerdem war die Insellage hilfreich wegen der allgegenwärtigen Brandgefahr im Labor. Kunckel selbst war einmal ein Stall abgebrannt, in dem eine Ladung Knallquecksilber hochgegangen war.

In der Tat gelang es ihm, das Goldrubinglas in einem hochkomplexen Verfahren standardisiert herzustellen. Dank Kunckel konnte es sogar zu Gefäßen geblasen werden. Das war Hightech im 17. Jahrhundert. Aber es ging nicht nur um Technik. Dem EdelsteinRubin, der durch die Glasexperimente nachgeahnt werden sollte, wruden viele positive Eigenschaften nachgesagt. Er verleihe Kraft, schütze gegen Krankheit und vieles andere mehr – diese Wirkungen erhoffte mach sich auch von dem Glas, das Kunckel auf der Pfaueninsel zusammenrührte.

Denn die Alchemisten, die man sich heute gern als zauselige Bartträger, umgeben von geheimnisvollen Töpfen und qualmenden Tiegeln vorstellt, strebten nicht nur nach materiellen, sondern auch nach höheren Werten.

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Alchemist in der Ausstellung  – Prototyp

Den Alchemisten ging es darum, aus etwas Unreinem Reines entstehen zu lassen (Sand zu Glas) und dazu ging es ihnen auch darum, sich selbst zu läutern und zu verbessern. Man glaubte, wenn man eine Woche gefastet hat oder keine schlechten Gedanken hatte, dass man dann auch bessere Produkte herstellen kann – das würde auch heute noch 80% der, die als Coaches arbeiten, unterschreiben. So weit sind wir heute von der Alchemie nicht entfernt.

Die schöne Forscherwelt auf der Pfaueninsel währte nur drei Jahre. Nach dem Tod des Großen Kurfürsten 1685 fiel Kunckel in Ungnade, sein Labor wurde durch Brandstiftung vernichtet. Kunckel ging nach Schweden als königlicher Berater für das Berg- und Hüttenwesen und wurde dort für seine Verdienste geadelt.

Die Pfaueninsel aber wurde zur Schatzinsel, denn die Berliner suchten im Schutt des Labors nach den roten Schein-Edelsteinen. Zum Ärger heutiger Archäologen, die kaum noch Spuren von Kunckels Wirken gefunden haben.

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Brügge & Tod & Pommes

 

 

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Es ist Juni und Brügge ist schon voll von Touristen. Und ich mittendrin.

Ich erlebe das erstaunliche Habitat des Beginenhofes, eines Ensembles weißer Häuser um eine große, baumbestandene Grünfläche. Die Einrichtung selbst stammt aus dem 13- Jahrhundert. In der Kirche, die den Kern dieses Ensembles ausmacht, sehen sie einige der Bewohnerinnen des Beginenhofes, der seit 1939 von Benediktinerinnen belebt wird. Dabei eine alte Nonne, ganz in weiß, ganz gekrümmt, wie um einen inneren Kern zusammen gezogen, den Buckel steif gemacht gegen die Welt, vor der sie sich ins Kloster gerettet hat. Bei ihrem Alter – was hat sie nicht alles gesehen und wie recht hat sie, den Rücken zu einem Schutzschild zu krümmen, wie eine weiße Schildkröte ihren Panzer.

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Auf der Hoogstraat und auf dem Platz vor der Burg erlebe ich Brügge als Stadt von Pommes mit Majo  und Waffeln mit Schlagsahne. Die Welthauptstadt aller Sachen, die sich unmittelbar auf die Hüfte und die Plautze legen. Ein Geschäft neben dem anderen, in allen winden sich lange Schlangen. Pommes und Waffeln zu essen scheint ein touristisches Ritual zu sein. In Berlin muss man – je nach Altersgruppe – in einem Club oder auf der Museumsinsel gewesen sein –  in Brügge muss man Pommes und Waffeln zu essen. Wobei man erstaunt ist, was die Waffelnbäcker alles auf die Waffel packen – Schlagsahne ist nur die Basisbelag.

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Ich erlebe die Architektur einer reichen, fast angeberisch reichen Stadt des 15.16. Jahrhundert. Die Häuser aus mehreren Jahrhunderten punken mit Dekor, Girlanden, Steinarbeiten und reichlich Gold zeigen, man hat es zu was gebaracht und möchte dafür respeiert, wenn nicht bewundert werden. Man kann über diese Demonstration unterschiedlicher Meinung sein, aber mir scheint es, dass sich die Angeber damals mehr Mühe mit der künstlerischen Gestaltung ihrer Häuser gegeben haben.

Ich ziehe weiter auf den Burgplatz und dort vor den alles dominierenden Belfried. Der ist großer Turm (83m, es heißt, kein Gebäude in Brügge dürfe höher gebaut werden) und die frühere Brandwache von Brügge. Und belausche deutsche Touristen bei filmwissenschaftlichen Erläuterungen: Der Belfried ist jener Turm, den in dem Film „Brügge sehen und sterben“ monströs übergewichtige amerikanische Touristen besteigen wollen. Sie fragen den Protagonisten des Films, ob man da hinauf könne. Der ist skeptisch: Bei der Wendeltreppe? – Was genau wollen Sie damit sagen? – Ist für einen Elefanten nicht so einfach. – diese Bemerkung

im Filmdialog löst eine witzige Schlägerei aus .IMG_7435

Ich habe im Kopf „Das tote Brügge“ – den Roman von Georges Rodenbach von 1892. Darin verliert ein junger Mann seine Frau und zieht nun durch das tote Brügge, bis ihm durch einen Zufall eine junge Frau begegnet, aus der er die lebende Erinnerung an seine verstorbene Frau formen will…  In diesem roman besteht brügge aus „unbelebten Kanälen, mit häusern, deren Fenter „gebrochenen Augen“ glichen und so weiter, die Stadt ist ausruck seiner Trauer und Depression. Das Erstaunliche an diesem Roman ist, dass die Originalausgabe 35 Fotografien von Stadtansichten Brügges enthielten, in s/w, meist menschenleer (auf dem Foto vom Belfried findet sich versteckt an einer Straßenecke 1 Person) und und so grau-in-grau verschleiert, als sei damals schon die Stadt seit Jahrhunderten verlassen gewesen und von den Geistern der Verstorbenen bewohnt. Soweit ich weiß, war dies der erste Roman, bei dem auch Fotografien einbezogen wurden, um die Atmosphäre und die Ortsbeschreibungen zu unterstützten.

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Dieses Brügge finde ich zum Glück nicht – die Sonne schien, Tausende Menschen auf der Straße und über allem der Duft von Pommes.

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