moepkenbrot

Möpkenbrot ist eine westfälische Spezialität aus Blut, Schwartemasse und gewürfeltem Speck, dazu Roggenmehl oder Roggenschrot. Am besten schmeckt es heiß aus der Pfanne. Möpkenbrot macht satt und glücklich. In diesem Zustand neigt der Westfale dazu, die Welt mit heiterer Gelassenheit zu betrachten.

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Rerik

Rerik ist ein kleiner Ort an der Ostsee. Wirklich klein. Vermutlich verdankt der Ort seine Bekanntheit der Tatsache, dass er so klein ist, dass ihn niemand wahrgenommen hat.

Und dem Roman „Sansibar oder der letzte Grund“ (1957) von Alfred Andersch. 1937 kommt ein junger kommunistischer Funktionär in das unauffällige Rerik, um einen Fischer aufzufordern, eine junge Jüdin über die Ostsee in Sicherheit zu bringen. Zugleich muss eine Barlach-Figur „Der lesende Klosterschüler“ vor den Nazis gerettet werden.

Einige der Gebäude, die der Kommunist und Widerstandskämpfer im Roman gesehen haben mag, gibt es noch.

 

Rerik liegt auf einer Landzunge. Die eine Seite mit dem Strand schaut auf die Ostsee.

 

Die andere Seite, wo im Roman der Fischer angelandet sein mag, befindet sich nach dem Ende von Nationalsozialismus und Sozialismus ein befestigter Parkplatz mit nützlichen Hinweisschildern.

 

Zum Parkplatz gehört ein wassernahes Vergnügungsareal, wo es ziemlich lekkere Fischbrötchen gibt, Sonnenöl und Postkarten. Dort blubbern überdimensionerte, von Frührentnern gesteuerte Motorräder, die mehr Lärm erzeugen als jede Ostseefähre.

Trotzdem – einen Abstecher ist es wert, wenn man sowieso gerade an der Ostsee ist. In Wismar zum Beispiel. Oder in Güstrow, wo der „Lesende Klosterschüler“ im Barlach Museum steht. Nein – sitzt und liest.

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Dorf im Selbstversuch – Winterstudie

Paris im Sturm ist ohne Kunst, Moskau im Frost ist reines Putin und auch meine Stadt Berlin ist im Regen nicht sexy, sondern nur arm.
Es ist nie schön, in einer Stadt anzukommen, wenn das Wetter schlecht ist.
Als ich nach Giershagen kam – das liegt im Sauerland, ein wenig südlich von Brilon oder Marsberg, die auf der Landkarte etwas bedeutender erscheinen – als ich nach Giershagen kam, war noch Winter. Giershagen liegt im Hochsauerland, weshalb der Winter schon vor Tagen reichlich Schnee gebracht hatte. Inzwischen hatte das Thermometer die Null-Marke wieder überstiegen. Der Schnee war dabei, Matsch zu werden. Der Himmel, die Landschaft – alles grau in grau. Die Felder, die Wälder – alles in dichtem Nebel. Die Straßen glitzerten tückisch. Die Luft kroch feucht und kalt ins Auto. Dachlawinen rutschen von den Häusern.
Hier sollst du aussteigen?, dachte ich. Und dann: Warum Giershagen?
Warum nicht mit Putin in Moskau? Oder pleite in Berlin? Warum Giershagen? Warum Dorf?
Giershagen, ca. 1600 Einwohner, liegt mit seinem ursprünglichen Ortskern in einer Senke. Da ist es relativ windstill. Die neueren Ansiedlungen auf den Hügelkuppen haben zwar den schönen Fernblick, hatten dafür aber auch die sturmgewaltigen Kyrill und Friederike im Garten.
Giershagen wird durchzogen von einer gewundenen Straße, der Papenstraße. Sie ist benannt nach Heinrich Papen, einem Bildhauer aus dem 17. Jahrhundert, der aus Giershagen stammte und eine Reihe bedeutender Altäre geschaffen hat.
Architektonisch macht das Dorf einen sehr unentschiedenen Eindruck. Die Häuser entstammen unterschiedlichen Bau- und Renovierungsperioden der Nachkriegszeit und sind nicht auf einander abgestimmt. Freundlich gesagt.
Genauer genommen: ein wilder Haufen.
Am Morgen sehe ich in Stefan Henkes Edeka-Laden zwei Vertreter der Volksbank. Die Volksbank hat ihren Standort in Giershagen geräumt, nun wird Stefan Henke in seinem Laden das Geld auszahlen. Es verkündet im Fanfarenton einer Siegesmeldung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands die Vertreterin der Volksbank:
„Herr Henke hier mit seinem Edeka-Markt in Giershagen bietet seinen Kunden schon seit längerem das Bezahlen mit der EC-Karte an. Dieses wurde jetzt aktuell erweitert, die Kunden können sich jetzt auch mit Bargeld bei Herrn Henke am Terminal versorgen. Die Bargeldversorgung ist darüber gesichert in Giershagen.“
Wie kam die SED bis Giershagen?
An dem großen Schaufenster des Edeka-Geschäfts und auch auf Stefan Henkes Jacke prangt sein Wahlspruch „Tante Emma schlägt zurück“. Sein Laden ist der einzige Nahversorger in Giershagen und der näheren Umgebung. Gäbe es ihn nicht, müsste man für jeden Joghurt nach Marsberg.
Was, ich wie jetzt weiß, recht umständlich wäre.
Das Wichtigste, sagt Stefan Henke, sei das Grundsortiment, alles an Obst/Gemüse, Butter, die ganz normalen täglichen Dinge, die man einfach so brauche. Und dann müsse man einfach in der Zeit dann gucken, was wird sonst noch nachgefragt? Dazu können die Leute bestellen, was ihnen im Sortiment fehle, und am nächsten Tag sei es da.
Wir werden unterbrochen: „Guten Morgen, Herr Metzger…“. Der Mann ist wirklich Metzger und trägt eine große Plastikwanne mit Wurst und Fleisch nach hinten an die Fleischtheke. Der Metzger ist Metzger und nicht Vertreter einer Fabrik. Für mich als Berliner Großstadtbewohner ist er wie eine Erscheinung aus einer anderen Zeit.
Tante Emma in Gestalt von Stefan Henke kennt die Kunden von täglichen Gesprächen. Und die Kunden kennen Stefan Henke – wo sonst könnte in den frühen Morgenstunden, noch bevor es der Gesetzgeber erlaubt, der Lieferwagen die tägliche Ware anliefern? In meiner Stadt gäbe es sofort Ärger, in Giershagen dagegen ist den Leute klar, dass irgendwann irgendwie die Lebensmittel, das Duschgel, die Schreibwaren und auch die Briefmarken in den Ort kommen müssen. Sagt Henke: „… das ist ganz klar, viele andere Ortschaften haben schon gar kein Lebensmittelgeschäft mehr, die wären alle froh, wenn sie eines hätten. Und man darf nicht vergessen, dass sich hier viele Leute einfach treffen, um was auszutauschen.“
Und er erzählt, dass manchmal, wenn die Totenglocken läuten, Kunden in seinen Läden kämen, um einen Yoghurt zu kaufen und sich zu erkundigen, wer denn gestorben sei. „Und dann geht man zuerst in den Dorfladen, um zu gucken, was denn da passiert ist.“
Stefan Henke ist Mitglied im Förderverein Giershagen. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, den Ort lebendig zu halten. Eigentlich musste man für Giershagen keinen neuen Verein erfinden. Es gibt den Karnevalsverein, den Musikverein, den Sportverein, einen katholischen Frauenverein und wahrscheinlich habe ich noch einen vergessen. Wer in einem Verein ist, ist meist auch noch in ein oder zwei anderen. Zum Beispiel im Gesangsverein, den habe ich noch nicht genannt. Man fragt sich, wann die Leute Fernseh gucken.
Vereine gab es also genug, was fehlte, war eine Ideenschmiede.
Zu einer Bürgerversammlung der Ideenschmiede im Jahr 2016 kamen ungefähr 40 Interessenten. Mit dabei war Beate Wallmeier. In ihrem Wohnzimmer ist der Kaffeetisch schon gedeckt, als ich eintrete.
“ Jeder durfte irgendwas sagen, was er sich für des Dorf wünscht, egal ob das machbar ist oder nicht. Zugegebenermaßen haben wir uns gut einen dabei getrunken, das war sehr lustig, aber bei mir ist das so hängen geblieben: Man könnte irgendwas machen.“
Einige Positionen von der Vorschlagsliste: Mehrgenerationenhäuser oder eine Alten-WG. Vereinspatenschaften für Flurbezirke und Bänke. 1 Tauschbörse für Aktivitäten. 1 Geschichtsthemenweg durch das Dorf und 1 Klettergarten für Junge und Ältere – was eventuell mit der Alten-WGs zu kombinieren wäre. Oder die „Mitfahrbank“: Jeweils am Ortsausgang stehen buntbemalte Bänke. Wer darauf sitzt, möchte eine Mitfahrgelegenheit in die Nachbarstadt. In den Nachbarstädten stehen entsprechende Bänke für die Rückfahrt. Busse fahren hier nicht so oft.
Ein Vorschlag lautete: Tischnachbarn. „Leute“, sagt Frau Wallmeier, „zusammengewürfelt wie auch immer, treffen sich bei jemandem privat zuhause. Und dies privat zuhause war mir wichtig, weil das so ein bisschen eine Verpflichtung auch ist.“
Frau Wallmeier, im Berufsleben Lehrerin, schrieb ein Faltblatt, auf dem die Idee dargestellt wurde. Jeweils drei „Tischnachbarn“- Paare, Einzelpersonen, Familien – also minimal drei und maximal sechs Personen, treffen sich reihum an drei Terminen zwischen Ostern und Schützenfest 2017. Das – lernte ich nebenher – sind die entscheidenden Eckdaten im Jahreskalender eines Dorfes. Wer diese drei bis sechs Personen sind, die sich drei Mal treffen, entscheidet das Los.
Spontan war die Begeisterung groß. Dann kam das Grübeln, wie es auf dem Land eben so ist. „Es hat mir zum Beispiel eine Person gesagt, „Dann könnte ja mein Feind in die Wohnung kommen“, und ich hab gesagt: „Bist du noch gescheit? Hab ich gar nicht gewusst, dass du Feinde hast.“
Das waren aber nicht die wirklichen Probleme. Die größten Schwierigkeiten ergaben sich bei der Absprache der Termine. Nach Ostern, vor dem Schützenfest. Ganz offenbar stehen Dorfbewohner unter Zeitstress.
Aber die dreißig bis vierzig Giershagener, die mitgemacht haben, lernten Mitbewohner kennen, denen sie bis dahin gerade mal auf der Straße zugenickt hatten. Jetzt hatte man Gelegenheit, sich einander vorzustellen. Daraus seien nicht zwingend unverbrüchliche Freundschaften für die Ewigkeit entstanden, sagt Beate Wallmeier, aber man kenne jetzt sein Dorf besser.
Jede Region hat so ihre eigene Sprache. Oder zumindest ortsübliche Begriffe. Das ist auch so in Giershagen und drumrum. Manche Wendungen decken sich mit überregionalem Allgemeingut.
Wenn es heißt: das Gesocks göbelt – dann verstehen auch gebildete Nicht-Sauerländer, dass sich das Prollvolk gerade oral entleert.
Und wenn selbiges anschließend die Hucke voll kriegt, freut sich jeder über eine pädagogisch wertvolle Maßnahme. Das geht noch klar.
Aber Foffo? Oder Bölzer? Oder Killefitt?
Ein Bölzer ist eine dicker Kater, Foffo bedeutet Tempo und Killefitt ist Kleinkram. Vorsichtshalber haben sie in Giershagen ein Lexikon der hiesigen Stammessprache als großformatiges Poster herausgebracht. So sollen eigenartige Ausdrücke für nachfolgende Generationen erhalten bleiben. Dem Besucher bietet die Liste bodenständiger Vokabeln die Chance, sich nach Art der Feldforscher der lokalen Bevölkerung in ihrem eigenen Idiom zu nähern. Ein Beispiel:
Der Fickeltünnes ist mit Schmakkes und den Mauken in den Bruggepott geraten. Das kam vom Juchtern, weil er gedacht hat, er kriegt die Pimpanellen, wo ihm doch das Hümmeken in die heiße Plörre gefallen ist. Und dann hat er von sich hingeankt, dass ihm die Kölpen aus dem Gesicht gequollen sind.
Als Forscher im Selbstversuch bin ich mir nahezu sicher, dass ich mit so einer kleinen, unterhaltsamen Geschichte leicht mit den Leuten ins Gespräch komme.
Für diejenigen, die mit der hochsauerländischen Mundart nicht vertraut sind, hier die Auflösung: Der Fikkeltünnes ist der hl. Anton, also der Tünnes. Der hl Tünnes ist der Dorfpatron von Giershagen. Meist wird er zusammen mit Schweinen dargestellt, also Ferkeln, also Fikkel, also: Fikkeltünnes. Der Fikkeltünnes hat mit Schmackes, also Wucht, seine Mauken, also Füße, in den Bruggepott getaucht – das ist ein ortsfesten Ofen mit großem Behälter, um Wurst zu brühen oder Badewasser zu erwärmen. Über die Reihenfolge macht das Lexikon keine Angaben.
Aber warum steht Fikkeltünnes mit den Mauken im Bruggepott? Weil er gejuchtet hat, also rumgesprungen ist, denn er hat die Pimpanellen gekriegt, also sich aufgeregt, weil ihm das Hümmeken, also das kleine Schälmesser, in die heiße Plörre, also Brühe, gefallen ist. Woraus man schließen kann, dass der Heilige eben dabei war, im Bruggepott Schweinewurst zu machen. Dann entglitt ihm das Messer. Und er regte sich auf. Nun steht er mit den heißen Mauken in der dampfenden Plörre und muss anken, also jammern, so sehr, dass ihm die Kölpen, also die Augen, aus dem Kopf quellen.
So geht Giershagenerisch.
Diese Geschichte ist natürlich nicht Bestandteil der volkstümlichen Überlieferung, sondern von mir frei erfunden und daher lediglich Kappes oder Kruppzeuch oder einfach nur Männekes.
Und überhaupt – man kann mit den Leuten gut Hochdeutsch reden.
Giershagen hat eine tausendjährige Bergbaugeschichte. Mit unterschiedlicher Intensität sind in den Gruben um Giershagen bis 1963 Eisen, Kupfer und Cölestin abgebaut worden. Eisen und Kupfer kennt man, Cölestin ist ein Mineral, das zum Beispiel benutzt wurde, um aus Rüben Zucker zu gewinnen. Josef Götte ist einer der wenigen Bergleute, die um Giershagen in die Gruben eingefahren sind. 1951 hat er angefangen, da war er gerade 14 Jahre und wog 36 Kilo. „Das war schon mehr als hart, können Sie sich vorstellen.“
In zwei Schichten zu je acht Stunden wurde gearbeitet. Ich höre Josef Götte zu und sehe ihn, wie er spricht und mir scheint, dass ich noch den Schrecken erkennen kann, den die Arbeit damals für den mageren Vierzehnjährigen bedeutet haben muss. Josef Götte erwähnt in einem Halbsatz, dass man, wenn man morgens zur Arbeit ging, nicht sicher sein konnte, ob man abends nach Hause kam. Auf dem Vorplatz der Kirche steht ein Findling mit einer Metalltafel, auf der die Toten verzeichnet sind, die der Bergbau in Giershagen zu beklagen hatte. Die Liste ist lang und endet mit dem Namen Henke, dem Großvater von Stefan Henke.
Um sich gegenseitig zu unterstützen und um einen beruflichen und sozialen Zusammenhalt zu pflegen, gab es hier wie in eigentlich allen Bergbauregionen einen Knappenverein. Mit dem Ende des Bergbaus schrumpfte auch der Knappenverein. Nach und nach starben die Bergleute, eines Tages waren nur noch fünf oder sechs übrig. Was tun? Es wurde eine Versammlung einberufen.
Die Giershagener konnten sich nicht entschließen, einen traditionsreichen Verein einfach sterben zu lassen. Vielleicht gibt es im Dorfleben so etwas wie eine Sucht nach Vereinsgeselligkeit, die dem Großstadtbewohner, der sich mit einer (1) Mitgliedschaft gut ausgefüllt findet, eher fremd ist. Aber es gab noch einen anderen Grund: Fast jeder im Dorf hat in der eigenen Familie oder der Verwandtschaft einen, der damals mal im Bergbau gearbeitet hat. An dem Abend wurden 19 Nicht-Bergleute Mitglieder im Knappenverein.
„Ich war an dem Abend so überrascht, ich wusste auf einmal nicht mehr, …“ Josef Götte, der bei der Versammlung auf dem Podium saß, wurde im Wortsinn von seinen Gefühlen überwältigt. Er verlor das Bewusstsein. „Da haben sie mich ins Krankenhaus gefahren und – das war nachts um zwölf – da kam der Sohn ins Krankenhaus und sagt: Papa, 19 neue Mitglieder. Das war die größte Freude.“
Joseph Götte stehen bei der Erinnerung an diesen Abend die Tränen in den Augen. Ein Ort, der Zukunft haben will, muss seine Vergangenheit kennen. Um die Bergbaugeschichte lebendig zu halten, haben Reinhard Schandelle und der Förderverein einen Wanderweg in den Hochsauerland-Wäldern um Giershagen aufgebaut. Reinhard Schandelle ist ehemaliger Lehrer und ehemaliger Bürgermeister von Marsberg, also ein erfahrener Kommunalpolitiker.
„Bergbauspuren“ heißt der Themenweg und in der Tat sind es keine massiven Bauten, die in der ehemaligen Bergbaulandschaft stehen, sondern meist nur Geländepunkte, die einen gar nicht auffallen würden, wenn es nicht Führungen gäbe und Hinweistafeln. Die Trasse der Rhene-Diemeltalbahn könnte man vielleicht für einen Damm am Flüsschen Diemel halten – wenn man es nicht besser gesagt bekäme.
„An diese Bahn waren vier Gruben angeschlossen, mit denen das Erz dann mit dieser Kleinbahn und der Reichsbahn in das Ruhrgebiet zu den Hütten transportiert worden ist.“ Umso wichtiger ist, dass diese unscheinbaren Spuren der Vergangenheit aufbereitet und erhalten werden, wie diese Bahn, die 1963 nach dem Ende der Förderung abgebaut wurde.
Dann stehen wir im Stollenmund des Lans-Stollens, des tiefsten Stollens der ehemaligen Grube Reinhard. Ein kräftiger Wasserlauf, der aus dem Berg herausschießt, verrät, dass dieser Stollen der Entwässerung des Grubenbaus, aber auch dem Transport des Eisens diente. Eine vollgepackte Lore steht noch auf Gleisen, eine von den Loren, die der schmächtige Joseph Götte mit 14 Jahren geschoben haben muss. Was für eine grausame Arbeit.
Vielen Menschen erscheint das Dorf, jegliches Dorf, als in Klinker gemauerte Langeweile. Hunde bellen. Trecker tuckern. Menschen tragen unelegante Kleidung. Spießer fegen Bürgersteige. Sonst ist nichts los: es gibt keine Kinos, keine Lokale, keine Kultur, wenn man welche möchte. Reinhard Schandelle setzt an zu einer leidenschaftlichen Gegenrede.
„Wie oft nutzt ihr die denn? Wie oft wart ihr im Kino? Wie oft wart ihr in einem Konzert? Welche Angebote habt ihr denn im letzten Monat so genutzt? Und dann guck ich immer in sehr fragende Gesichter und ich bin sehr enttäuscht, weil sie mir nichts nennen können.“
Na gut, ich räume ein, dass man sich als Stadtbewohner auch zumeist in seinem Kiez aufhält. Fahre ich mit den Öffies ins Kino oder zu Ausstellungen, brauche mindestens die Zeit, die Herr Schandelle bis zur nächsten Stadt braucht: „Und dann erzähle ich denen, wo ich alles war, auf welchen Veranstaltungen ich gewesen bin. Zwar nicht hier bei uns in Giershagen, sondern in der weiteren oder näheren Nachbarschaft und dann staunen die immer.“
Reinhard Schandelle ist gerade gut in der Spur: „Ich steh nicht dauernd im Stau, sondern ich hab so gut wie keinen Stau. Wohneigentum ist sehr günstig zu erwerben, und all diese Vorteile verfangen aber leider nicht. Das wundert mich schon ein wenig, aber das scheint eher psychologische Ursachen zu haben als faktische.“
Da hat er wohl Recht! Aber so einfach ist es mit dem Stadt- Landvergleich dann auch wieder nicht.
In Giershagen finde ich kein Lokal, in dem ich essen kann. Nicht am Dienstag. Wenn es Wochenende wäre, könnte ich im „Dorfkrug“ essen, nicht aber am Dienstag. Mein Übernachtungshotel habe ich fünf Kilometer entfernt in Adorf gefunden, was ein propreres Dorf ist mit fein renovierten Fachwerkhäusern und einer langen Hauptstraße. In Adorf stelle ich fest, dass beide Lokale den Dienstag zu ihrem Ruhetag gewählt haben. Nur eine Steh-Pizzeria ist geöffnet. So würdelos ist mein Hunger auch wieder nicht.
Meine gastronomischen Alternativen sind also Marsberg im Norden und ein Platz namens Heringhausen im Süden. Ich entscheide mich für Heringhausen. Von Giershagen sind das ungefähr zwölf Kilometer, die ich fahren muss, um eine warme Mahlzeit zu bekommen. Das Problem, eine Abendmahlzeit zu bekommen, hat mich aber auf ein drängendes Problem aufmerksam gemacht. Mein Tank ist nur noch ein Viertel voll. Kann ich es mir leisten, durch das Hochsauerland zu fahren, ohne zu wissen, wie weit ich komme? Oder muss ich perspektivisch tanken? Ich erkundige mich am Restauranttresen: Mir werden zwei Tankstellen in zwanzig Kilometern Entfernung genannt. Aber dann bin ich schon tief in Hessen. Ich muss aber in die Gegenrichtung.
Also fahre ich sofort und straight 16 Kilometer nach Marsberg, vergeude keinen Tropfen, und sehe zu, dass ich erst mal den Tank voll kriege.
Dann wieder fünfzehn Kilometer zurück, um ins Bett zu kommen.
Von Kino war noch nicht die Rede!
Zu den Lebensgewohnheiten der Hochsauerländer scheint zu gehören, dass sie mit Brennmaterial geizen. Vielleicht hat aber auch der Hochsauerländer kein Kälteempfinden, anders als der Bewohner großer Städte, wo sogar die Hausflure von Mietshäusern beheizt werden. Jedenfalls ist mir durchgängig kalt und bin ich froh, dass ich am Abend noch Volker Schröder besuchen werde. Volker Schröder hat drei Kinder, bei ihm wird ja wohl geheizt sein, denke ich. Volker Schröders Idee für die Ideenschmiede war die „Giershagener Bauernfehde“, ein Brettspiel mit Lerneffekt: Ziel ist es, die Erinnerung an die alten Flurnamen zu bewahren.
„Giershagen ist ja schon ein sehr altes Dorf, das von bäuerlicher Kultur geprägt worden ist,“ sagt Schröder. „Bauernfehde“ heißt es, weil es das Ziel der Kontrahenten ist, sich gegenseitig die Wiesen, die Gemarkungen, die einzelnen Felder abkaufen oder zu erobern und damit der größte Bauer von Giershagen zu werden. Das nennt man dann „bäuerliche Kultur“. Grundlage des Spielbretts ist eine alte Karte von 1888, die den Anforderungen entsprechend angepasst wurde. Ich sehe verschiedene Flächen, die sind blau unterlegt, Flächen, die sind rot unterlegt, grün unterlegt, in der Mitte das Dorf selbst ist grau unterlegt…
Die Sache ist heikel: So einfach ist ein Brettspiel nicht. Zwar erinnert es mich ein wenig an das „Monopoly“ meiner Kindheit, aber es gibt andere Regeln zu beachten und andere Abläufe. Man muss strategisch vorausdenken und sich entscheiden, welche Wiese man sich zu welchem in der Ferne liegenden Zweck unter den Nagel reißen will und wie man den Dorfnachbarn um seine Kühe bringt.
Für mich am späten Abend ist das zu kompliziert. Ich gebe auf.
Am folgenden Abend treffe ich Michael Volpers. Er wohnt am Ortsrand von Giershagen. Hier übt Michael Volpers Posaune und Baritonhorn. Das kann er auch, rundum liegen die Felder im Dunkeln. Aber die Nachbarn? „Von der Familie, die unter uns wohnt, da sind von vier Leuten drei im Musikverein. Es kommt schon öfters vor, dass wir von unten was hören und andersrum natürlich auch, dass die von uns hier oben was hören, aber dadurch, dass es beiderseitig ist, kommt man damit ganz gut klar.“ Das Blasorchester hat zwischen 60 und 70 Mitglieder, so genau kann Volpers das nicht sagen. Dann noch die fördernden Mitglieder, die nicht spielen und der Nachwuchs, noch mal um die zwanzig junge Musiker.
Ich rufe mir in Erinnerung: Giershagen hat gerade einmal 1600 Einwohner. Allein 300 von ihnen sind Mitglied im Musikverein. Gespielt wird, sagt Michael Volpers, das Brot-und-Butterprogramm eines jeden Blasorchesters: Märsche für Schützenfeste und den Karneval. Als Berliner erkundige ich mich: „Gibt`s auch Preußens Gloria?“ Volpers sagt, das sei fester Bestandteil.
Metropolenkultur im Hochsauerland.
Aber abgesehen von relativ schlichter Ich-marschier-mal-auf-und-ab-Musik gibt es noch ein erweitertes Repertoire. Es gibt Tanzmusik, die sie abends mit kleinen Besetzung spielen, mit Bläsern, Keyboard, Bassgitarre, Gitarre und dergleichen, und dann gibt es noch konzertante Aufführungen mit „also von Musikal über Filmmusik über klassische Musik oder auch mal ne Polka – das ist dann bunt gemischt.“
Michael Volpers fährt jeden Tag eineinhalb Stunden nach Paderborn zur Arbeit, abends zurück. Zwölf Jahre war er weg aus Giershagen, aber dann zog es ihn doch wieder nach Hause. Seit nahezu einhundert Jahren ist der Musikverein, den Michael Volpers leitet, fester Bestandteil des Kulturlebens von Giershagen. Wie, frage ich mich, kann man den Nachwuchs, also Kinder, für Blechblasmusik begeistern? Wo es doch so viel anderes Spannendes gibt? Sein Problem, sagt Volpers, sind die anderen, „es gibt immer mehr Angebote, sei es durch Sportvereine oder auch Reiten, das machen viele gerade jüngere Mädels. “
Ich überlege still für mich, dass ich eigentlich an anderes gedacht hatte, was die Kinder vom Üben abhalten könnte: An Glotze, Videospiele, Smartphones und Rumlungern im Cyberspace. Aber nein, die Konkurrenz sind die Angebote anderer Vereine. Was für ein glücklicher Ort!
Die Frage vom Anfang meiner Reise „Warum Giershagen?“ kann ich immer noch nicht beantworten. Als ich das Dorf verlasse, liegt kaum noch Schnee. Aber es ist immer noch kalt. Auf der Autobahn Richtung Berlin geht mir den Kopf, dass so ein kleiner Ort wie Giershagen vielleicht den menschlichen Vorteil hat, dass die Leute den kennen, der etwas gemacht hat. In Großstädten stehen die Dinge einfach da – Bänke, Parkanlagen, Denkmäler und Opernhäuser, aber man weiß nicht, wer sie geschaffen hat. Natürlich weiß man: den Flughafen Schönefeld, den hat der Wowereit versemmelt. Aber wer noch? Da waren doch noch andere zweifelhafte Genies beteiligt.
Und schon verschwimmt wieder alles.
Mir scheint, wenn man weiß, welchem der Vorfahren oder noch lebenden Zeitgenossen man die Dinge in seiner Umgebung zu verdanken hat – den Weg zu den Bergbauspuren, den Abend mit Gästen, die Blasmusik, – , dann hat man eine andere Verbindung zu ihnen und dann – im günstigsten Fall – weiß man sie auch mehr zu schätzen.
So lebt man besser in einem Dorf.
Es kann aber auch sein, dass einem das zu viel wird, dass man so viel gar nicht wissen will. Dann lebt man besser anonym in der Großstadt. Obwohl ich einräumen muss: Die Leute in Giershagen erscheinen beneidenswert ungehetzt.

Münsterland

Nun ist weg – das Olfener Loch, eines meiner Lieblingsthemen aus dem Buch „111 Orte im Münsterland, die man gesehen haben muss“. Die Verwaltung hatte ein Einsehen und das Loch wurde verfüllt.

Das Olfener Loch

Die Geduld der Verwaltung ist begrenzt

Die Geschichte beginnt damit, dass Olfen (»das Tor zum Münsterland«) beschloss, ein Naturbad mit Wasserspielplatz zu bauen. Naturbad deshalb, weil man zurück zur Natur wollte, also wurde das Bad auf einem freien Feld vor der Stadt errichtet. Es ist nur im Sommer geöffnet, wenn es heiß ist, und nicht im Winter, wenn man das Becken beheizen müsste. Das Projekt wurde sehr gut angenommen, der Olfener an sich war entzückt. Es gab nur ein Problem: Die Zufahrt zum Naturbad biegt ab von einer wunderschönen, doppelreihigen, schnurgeraden Allee, einem Bild von einer Allee. Zur einen Hälfte war diese eine Wohnstraße. Hier litten die Anlieger darunter, dass vor ihren Häusern der Autokorso der Schwimmbadbesucher vorbeidonnerte, testosterongeplagte Jungmänner mit zu vielen PS unter der Haube. Also wurde diese Hälfte der Allee gesperrt, es blieb ja noch die andere, die unbewohnte. Aber die Autofahrer interessierten sich nicht für die Hinweisschilder. Daher wurden zur Verstärkung Pylone aufgestellt, die aber auch keine Wirkung zeigten.

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Offenbar entspann sich ein Wettkampf zwischen Verwaltung und Freibadnutzern um die Frage, wer wem den Spaß verdirbt. Die Verwaltung reagierte unkonventionell: Weil alle Sperrmaßnahmen nicht fruchteten, ließ sie in die schnurgerade Allee ein rechteckiges Loch graben und schön mit Asphalt auskleiden. Dazu kamen zur Warnung zusätzliche Warnschilder und Pylone. Hier kann nur durchfahren, wer eine Spurbreite wie ein Lkw oder Traktor hat, Pkws werden notwendig mit einem Rad ins Schlagloch rauschen.

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Das Thema ist weg.

Zur fünften Auflage der „111 Orte…“, die im Dezember erscheint, habe ich ein neues Thema gefunden:

das Hindu-Kloster in Hamm.

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Die guten Menschen und die sehr guten Menschen

Eine internationale Kosmetikfirma hat Werbung gemacht mit einem dunkelhäutigen Model. Sehr dunkelhäutig. In einem Videoclip zog dieses Model ihren Pullover aus und es erschien eine weißhäutige Frau auf dem Bildschirm. Dann zog diese ihren Pullover aus und nun erschien eine dunkelhäutige Frau.
Das Verfahren läuft wie bei der russischen Puppe in der Puppe in der Puppe. Wäre es eine national-russische Puppe aus Putins Reich gewesen, hätte es vielleicht keinen Ärger gegeben.
Es war aber eine amerikanische Puppe in der Puppe, wenn man das überhaupt so sagen darf und damit explodierte der Skandal.
Wohlmeinende erkannten sofort das perfide Narrativ des Waschmittelproduzenten. Die Werbung, so die Wohlmeinenden, unterstellte, dunkelhäutige Frauen würden so aussehen wollen wie weiße und dazu böte ihnen der Konzern die richtige Seife.
„Rassismus!“ schrieen die Wohlmeinenden. Denn, dass eine dunkelhäutige Frau etwas anderes zu haben wünschen könnte als eine dunkle Haut, ist ihnen schlichtweg unvorstellbar. So zu denken galt als typisches Zeichen weißen Überlegenheitsdünkels. Inakzeptabel! Nicht hinnehmbar! Schwarze denken so nicht!
So etwas durfte nicht sein. Eine schwarze Frau hat gefälligst stolz und begeistert zu sein von ihrer Haut und nie und nirgends etwas anderes wollen.
Jetzt stellt der inkriminierte Seifensieder nicht nur Waschmittel her, sondern auch Sonnenschutzmittel. Diese verkaufen sich gut, weil in jeder Sonnensaison Millionen von hellhäutigen, regelrecht weißen, Frauen ins Freie eilen, um sich bräunen zu lassen. Danach habe sie ein so großes Verlangen, dass sie dafür auch Nachteile in Kauf nehmen, als da wären trockene Haut, Sonnenbrand, Farbveränderungen von hellbraun bis tiefschwarz. Hautkrebs ist eine anerkannte und akzeptierte Begleiterscheinung.
Weiße Frauen tun dies, weil sie, und sei es nur für wenige Urlaubswochen, ihre Hautfarbe verändern möchten. Abgesehen von Hautärzten erregt sich aus dem Sektor der Wohlmeinenden niemand über diese Gewohnheit.
Offenbar dürfen weiße Frauen etwas, was schwarze Frauen nicht dürfen – sich mal `ne andere Farbe wünschen. Während die weiße Frau das Privileg hat, nach individuellem Geschmack und Vorlieben mal in die eine, mal in die andere Richtung der Farbskala Schönheitsideale zu entwickeln, wurde es von den Wohlmeinenden der dunkelhäutigen, erst recht der schwarzen Frau auferlegt, immer nur das eine zu wollen. Den status quo.
Was bedeutet, dass wieder einmal die Dunkelhäutigen zum Objekt degradiert werden, denn sie haben gefälligst so sein zu wollen, wie die Wohlmeinenden entschieden haben.
Niemand aus dem Sektor der Wohlmeinenden beschwert sich darüber, dass der als rassistische verfluchte Konzern auch so genannte selbstbräunende Cremes anbietet. Damit kann sich die modisch flexible Frau sogar ganz ohne Sonne die Hautfarbe einer anderen – „Rasse“ darf man ja wohl nicht sagen – einer anderen Menschlichkeit zulegen. Was natürlich von diesem Konzern schon wieder rassistisch gedacht ist, denn diese selbstbräunende Creme ist ja wohl einzig auf die weiße Kundschaft zugeschnitten, die dunkelhäutige wird als Konsumentin nicht einmal in Betracht gezogen und kann sehen, wo sie bleibt.
Egal, was man tut, die Wohlmeinenden haben recht und sind laut. Und wenn die Wohlmeinenden entscheiden, dann entscheiden sie immer richtig, denn sie sind die einzig wahren Wohlmeinenden.
Die internationale Kosmetikfirma hat sich entschuldigt und die Werbekampagne zurückgezogen.
Wissenschaftliche Untersuchungen zufolge ist es überhaupt nicht möglich, allein durch Waschen seine Hautfarbe zu verändern. Aber das interessiert in diesem Zusammenhang ja wohl niemanden.

Das Olfener Loch ist zu

Weil ich kürzlich einen Text zu einer Anthologie beisteuern sollte, habe ich noch mal in mein Buch „111 Orte im Münsterland, die man gesehen haben muss“ geschaut.
Für die Anthologie war der Text über das Olfener Loch ausgewählt worden. Darin ging es um die vermutlich originelleste Problem-Lösung, die je im Münsterland erdacht worden war.
Nun musste ich feststellen, dass seit einiger Zeit das Loch nicht mehr existiert. Es wurde verfüllt. Also wurde aus einem Reisehinweis ein Nachruf, ein Nachruf auf ein schönes Stück Münsterland.

Das Olfener Loch
Die Geduld der Verwaltung ist begrenzt

Die Geschichte beginnt damit, dass Olfen (»das Tor zum Münsterland«) beschloss, ein Naturbad mit Wasserspielplatz zu bauen. Naturbad deshalb, weil man zurück zur Natur wollte, also wurde das Bad auf einem freien Feld vor der Stadt errichtet. Es ist nur im Sommer geöffnet, wenn es heiß ist, und nicht im Winter, wenn man das Becken beheizen müsste. Das Projekt wurde sehr gut angenommen, der Olfener an sich war entzückt. Es gab nur ein Problem: Die Zufahrt zum Naturbad biegt ab von einer wunderschönen, doppelreihigen, schnurgeraden Allee, einem Bild von einer Allee. Zur einen Hälfte war diese eine Wohnstraße. Hier litten die Anlieger darunter, dass vor ihren Häusern der Autokorso der Schwimmbadbesucher vorbeidonnerte, testosterongeplagte Jungmänner mit zu vielen PS unter der Haube. Also wurde diese Hälfte der Allee gesperrt, es blieb ja noch die andere, die unbewohnte. Aber die Autofahrer interessierten sich nicht für die Hinweisschilder. Daher wurden zur Verstärkung Pylone aufgestellt, die aber auch keine Wirkung zeigten.


Offenbar entspann sich ein Wettkampf zwischen Verwaltung und Freibadnutzern um die Frage, wer wem den Spaß verdirbt. Die Verwaltung reagierte unkonventionell: Weil alle Sperrmaßnahmen nicht fruchteten, ließ sie in die schnurgerade Allee ein rechteckiges Loch graben und schön mit Asphalt auskleiden. Dazu kamen zur Warnung zusätzliche Warnschilder und Pylone.

Hier kann nur durchfahren, wer eine Spurbreite wie ein Lkw oder Traktor hat, Pkws werden notwendig mit einem Rad ins Schlagloch rauschen. Das geht auf den Reifen, auf die Achse, und man muss den Abschleppwagen holen.

Plötzlich war Ruhe. Jedenfalls in der Allee. An andere Stelle wurde noch immer eine heftige Debatte geführt, ob die Verwaltung so mit ihren Bürgern umgehen darf. Eine Abstimmung über das Thema endete jedoch mit einem Ergebnis 65:35 – pro Loch!

Adresse Alleeweg, 59399 Olfen
Pkw A43, Ausfahrt Haltern, auf der B 58 Richtung Lüdinghausen, Hullerner Straße, rechts ab auf K8 Kökelsumer Straße, rechts in Alleeweg.
Tipp Die Dreibogenbrücke über die Alte Fahrt des Dortmund-Ems-Kanals, hier kann man in einer lauen Sommernacht tun, wonach ein romantisches Gefühl verlangt.

 

 Leider gibt es diese einzigartige Verkehrsordnung nicht mehr. Verwaltung und Bürger haben sich geeinigt.

Für die Neuauflage der „111 Orte…“ wird nun ein neuer Ort gesucht. Ich bin unterwegs.

Strasse der Demokratie

Orte der Demokratie
Unterwegs an Main und Rhein

Ich bin gereist an Orte, an denen im 19. Jahrhundert die deutsche Demokratie erstritten wurde: Assmannshausen, wo Ferdinand Freiligrath in der Krone ( heute 5 Sterne) sein politisches „Glaubensbekenntnis“ dichtete.

Dann Hallgarten, wo Adam von Itzstein bei reichlich Riesling Freunde und Demokraten sammelte.

Auf die Burg Königstein, wo die Anhänger des Mainzer Jakobinerklubs inhaftiert waren,

 


und Mainz sebst, wo sich in der Brauereikneipe „Zum Goldstein“ 1848 eine wüste Schlägerei zwischen Preußen und Demokraten zum Aufstand auswuchs.

Dann Frankfurt mit der Paulskirche, dem ersten Versuch eines deutschen Parlaments.

Die Reise hat Spaß gemacht. Ich wage die These, dass die deutsche Demokratie entstanden ist aus Lebensfreude und Genusssucht. Riesling und Bier waren unverzichtbar bei der Durchsetzung dieser Vision. Ohne die beiden, und ohne die Freude am schönen Leben, wäre die deutsche Demokratie nie entstanden.

Detaillierte Begründungen meiner zutiefst demokratischen und menschenfreundlichen These sende ich im Deutschlandfunk Kultur am 17. September um 11.05.

Ist gut zu hören! Und: Wohl sein!

Skulp-touren in Münster

In Zehnjahresabständen veranstaltet Münster eine große Skulpturenschau. Die Stadt ist die Galerie, an allen möglichen Orten sind moderne Skulpturen aufgestellt, noch zusätzlich dazu sind etliche aus früheren Schauen in der Stadt geblieben und können besucht werden. Nach und nach, über die Jahrzehnte verwandelt sich die Stadt allmählich in ein Großraum-Museum. Das wäre eine Reise wert – schon heute.

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Münster – es regnet gern mal in Münster, also macht man aus der Not eine Tugend eine Skulptur

Meine Lieblingsskulptur – und das sagt wahrscheinlich einiges über mein Kunstverständnis aus – ist noch immer das Kunstklo unter dem Marktplatz. Über Jahre hatten sich Menschen beschwert, wenn man mal müsse, könne man nicht, weil die öffentlichen Toiletten so unästhetisch seien. Also hat Hans-Peter Feldmann bei der skulptur projekte münster 2007  die Damen – und Herrenklos unter dem Markt künstlerisch aufgewertet.

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Jetzt sehen sie aus wie die Dekoration einer Peking-Oper (zumindest der männliche Sektor, auf der anderen Seite war ich nicht, um Ärger zu vermeiden), was aber den Aufenthalt deutlich angenehmer macht. (Mehr dazu in meinem Buch „111 Orte im Münsterland, die man gesehen haben muss“)

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Die Gegenwart sieht zum Beispiel so aus: Koki Tanaka hat acht Menschen aus Münster an einem Tisch zusammen geholt, um über die Frage zu diskutieren Wie zusammen leben ? Die Gespräche wurden aufgezeichnet und werden nun in acht Videosequenzen abgespielt – in kalten, gekachelten Räumen, die früher vielleicht zu einer Großküche oder einer Schlachterei gehört haben. In einem ganz und gar unheimeligen Raum werden Erfahrungen verglichen und wird die Zukunft der Menschheit diskutiert. Mir erschien das beklemmend und herausfordernd zugleich.

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Eine der weniger verständlichen Einrichtungen: Eine erkennbar zwecklose Unterführung, die auf einem Parkplatz auf der einen Seite hinunter, auf der anderen hinaufführt. Man hätte auch auf gleicher Ebene um das Ganze herumlaufen können. Der Durchgang ist versperrt. Offiziell heißt es: „Bartholl setzt sich … mit der zunehmenden Digitalisierung auseinander. Die drei Installationen … basieren auf thermoelktrischen Apparaturen, die Feuer – das erste Kommunikationsmedium überhaupt – direkt in elektrische Energie umformen.“

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Was sich dem Betrachter, der staunend vor dem verschlossenen Geländer steht, einfach nicht mitteilen will. Andererseits kann natürlich sein, dass diese Tiefbauplastik uns daran erinnern will, dass alljährlich viele Millionen Steuergelder durch falsch geplante Maßnahmen verschleudert werden – aber daran muss uns nun wirklich kein Künstler erinnern. Wir lesen alle die Zeitung… Also die Frage: Was soll uns das?

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Dean Martins Skulptur beginnt vor dem LWL Landesmuseum (fabelhafter Bau!) Was diese darmartige Verschlingung darstellen soll, bleibt geheimnisvoll. Jedenfalls ist sie – laut Kuratoren-Beschreibung – der äußerliche Teil einer Installation, die auf der Straße beginnt, dann ins Gebäude hineinführt, ohne dass deutlich wird, zu welchem Zweck sich die Materialien, die aussehen wie aus einem Abrisshaus entwendet, hier versammelt haben.

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Der Lichthof des LWL ist mit Plastikplanen verhängt, in die Gucklöcher eingeschnitten sind, und zwar in Augenhöhe des Künstlers Michael Dean, seiner Frau und seiner Kinder, was auf eine märchenhafte Weise bedeutungsvoll erscheint, sonst hätte uns der Kurator das nicht eigens mitgeteilt, nehme ich an.

Wenn man sich darüber beklagt, dass Kunst gelegentlich sehr hermetisch sein kann und nur Vorgebildeten zugänglich – dasselbe gilt für die dazu gehörende Katalog-Lyrik. Auch sie ist fern der täglichen Verständigung.

Nachdem das Werk von der Straße in das Museum gelangt war, wo es zu einem musealen Kunstobjekt geworden war, verlässt es als solches wieder das Museum und geht hinaus auf die Straße -das ergibt Sinn, wenn man einen Katalog schreibt, aber der Münsteraner ist an diesem Sinn nicht interessiert – wohl aber an einer Stange, an der er sein Fahrrad anschließen kann, denn Münster ist eine Fahrradstadt.

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Die hermetische Variante der Kunst ist aber nur die eine Seite – dann gibt es noch eine Kunst, die man gleich versteht, wie diese Gruppe von Nicole Eisenmann.

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Die herumlungernde Gestalten sind nur locker bekleidet und bilden ein „queeres Arkadien“. Eisenmann betone, sagt der Katalog, Körperlichkeit und Sexualität.

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Und das scheinen im katholischen Münster einige Menschen von der ganz streng bürgerlichen Fraktion nicht geschätzt zu haben, jedenfalls wurde der Figur auf der linken Bildseite der Kopf abgeschlagen.

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Es ist halt doch was Eigenes, aber irgendwie Reizendes mit der Kunst.

Tauber, DHL und die tachogene Weltfremdheit

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat einen Aufreger produziert. Er hat einem Gesprächspartner auf Twitter geschrieben: „Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“
Dazu kann man Unterschiedliches sagen: Manche werfen Tauber wegen seiner herablassenden Art „Arroganz der Macht“ vor. Ich würde von „Arroganz des Arbeitnehmers“ sprechen – Peter Tauber hat Geschichte studiert und das Studium sogar abgeschlossen, hat es aber nur bis zum höchst umstrittenen Generalsekretär der CDU gebracht. Ich sehe also keinen Grund, arrogant zu werden.
Dass er nun erneut einige Wählerstimmen abgeschossen hat, wird bei etlichen in der CDU den Gedanken aufkommen lassen, ein Minijob wäre für Peter Tauber doch eher das, was seinen Fähigkeiten am besten entspricht.
Die anderen fragen sich, ob Peter Tauber was Ordentliches gelernt hat, weil er in der deutschen Grammatik Unsicherheiten zeigt: In Falle seines Tweets hätte man „Ordentliches“ groß schreiben müssen.
Ich denke an den Philosophen Odo Marquard, den Tauber während seines Geschichtsstudiums in Frankfurt gelesen haben sollte. Marquard hat den Begriff der „tachogenen Weltfremdheit“ geprägt. Er meinte damit, dass die Menschen, die aus der Evolution ein eher gemächliches Tempo gewohnt sind, sich in einer Welt zunehmend fremd fühlen, in der die Technik sich rasend schnell entwickelt und alles verändert.
Andere Philosophen widersprachen: Die meisten kämen gut mit ihren Autos zurecht, obwohl sie nicht wüssten, wie der Anlasser funktioniert. Oder sie könnten von ihrer Armbanduhr die Zeit recht präzise ablesen, obwohl sie von der Elektronik darin keinerlei Verständnis hätten.
Odo Marquard galt als widerlegt.
Nun kommt Peter Tauber. Und twittert. Er benutzt ein Medium, das sehr modern und sehr schnell ist. Und da geschieht ihm, dass die Rasanz dieses Mediums die evolutionsbedingte Bräsigkeit seines Denkens einfach stehen lässt. Eigentlich sollte Peter Tauber seine Gedanken vor der Veröffentlichung zwei oder drei Mal überprüfen. Und sich die Frage stellen: Ist es richtig, was ich denke? Ist das, was mir im Kopf umher geht, wirklich sinnvoll? Muss es sein, dass ich jetzt was sage oder halte ich besser den Mund?
Wenn er seine wacklige Position in der CDU richtig einschätzt, wäre letzeres sicher die beste Option gewesen.
Aber nein, verführt durch die technischen Möglichkeiten des Mediums feuerte Tauber seinen Gedankenblitz ab, so, wie er entstanden war.
Wir kennen das bereits von Donald Trump, dem Gott der peinlichen Bemerkungen. Trump hat den Politikern dieser Welt vorgemacht, wie man in hoher Kadenz Bemerkungen raushaut, die sachlich falsch und im Tonfall beleidigend sind. Gäbe es die Technologe des Twitterns nicht, könnte eine nachgeordnete Stelle in Trumps Administration vielleicht noch helfend, korrigierend, beschwichtigend eingreifen – aber die Technik des schnellen Mediums verführt dazu, den ersten Gedanken gleich für den besten zu halten und in die Welt zu posaunen.
Odo Marquard hatte doch recht! Trump und Tauber sind beklagenswerte Opfer des Fortschritts, das Hirn ausgesogen von der atemberaubenden Beschleunigung der Technik.
Sind sie Einzelfälle? Bei weitem nicht: Erst vor kurzem hat der Postzulieferer DHL bekannt gegeben, er werde Pakete zum Mond liefern. In drei unterschiedlichen Größen. Technisch sei das jetzt möglich. Begeistert von den maschinellen Optionen hatten die Paketboten vergessen, dass es dort keine Empfänger gibt. Dass der Quatsch technisch denkbar, aber vollkommen sinnlos ist. So wie ein Tweet von Trump oder Tauber.
Auch DHL ist ein Opfer der „tachogenen Weltfremdheit“ geworden.
Andererseits – man will ja nicht übertrieben skeptisch sein. Ich wohne in einem Dachgeschoss. Seit Jahren bekomme ich keine Pakete mehr zugestellt, sondern nur noch Benachrichtigungen in den Briefkasten im Erdgeschoss geworfen. Dann kann ich mir mein Paket selbst abholen.
Sollte es DHL eines Tages schaffen, einen Empfänger auf dem Mond ausfindig zu machen und ihm ein Paket zu bringen, könnten sie auf dem Weg dorthin auch bei mir liefern. Das wäre mal ein technischer Fortschritt, an den ich mich gewöhnen könnte.

Soeben erschienen

Meine neues Buch – über Brandenburg. Mit Geschichte und Geschichtchen. So wie das Land ist.

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Und darum geht`s:

Brandenburg, das Kernland Preußens, galt immer als ein beklagenswert dürres Land. „Des heiligen römischen Reiches Deutscher Nation Streusandbüchse“ lautete jahrhundertelang sein Spottname, weil hier landwirtschaftlich nicht viel zu holen war. Die Kargheit der Region übertrug sich auch auf die Namensgebung der Herrscherhäuser – der amtierende Regent war entweder ein Wilhelm oder ein Friedrich. Aus einem kreativem Überschwang heraus nannten sich einige der Hohenzollern auch Friedrich-Wilhelm, aber erschrocken vor so viel Vielfalt kehrten sie gleich zu der Gewohnheit zurück, die Herrscher staubtrocken durchzunummerieren. Für die Geschichtsschreibung hat diese Fantasiearmut zur Folge, dass man höllisch aufpassen muss, bei welchem der Friedrichs oder Wilhelms oder Friedrich-Wilhelms man sich gerade aufhält.

Brandenburg-Preußen war immer auf Berlin konzentriert. „Ein Berliner Witz ist mehr wert als eine schöne Gegend“,  soll Philosoph Georg Wilhelm (!) Friedrich (!) Hegel gesagt haben. Für jemanden, der es bei dem Versuch, dem Zwang der preußischen FrWi-Tradition zu entkommen, nicht sehr weit geschafft hat, war das ein ziemlich kesser Spruch. Man könnte einräumen, dass hier die Gedankenvernarrtheit des Hegelschen Idealismus in einem hübschen Aphorismus zusammen gefasst wurde,  aber auf den Boden der tatsächlichen Wirklichkeit zurückgekehrt muss man sagen: Hätte er nur seinen Katheder in der Humboldt-Universität zu Berlin verlassen und wäre er mal nach Brandenburg gereist!

Brandenburg bietet Landschaft im Überfluss, die heute vielleicht noch mehr als früher geschätzt wird. Und diese Landschaft bietet, wie die Skulpturen und Monumente in einer gestalteten Park, viele Zeugnisse einer aufregenden Geschichte. Militärgeschichte natürlich, das ist beim Thema „Preußen“ unvermeidlich, aber auch Geistes- und Wirtschaftsgeschichte. Man kann den Führer zu „111 Orten in Brandenburg, die uns Geschichte erzählen“, Episode für Episode lesen, um sich eine Vorstellung von Brandenburg zu machen, man kann aber auch diese Orte zu einer Reise-Route zusammenstellen und dabei den unmittelbaren Eindruck auf sich wirken lassen. Beides ist möglich und beides ist schön.

 

Mehr kommt später…

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Berlin im Nebel – eine Verbrecherstadt