Katholizismus auf die münstersche Art

von Paul Stänner

Als zufälliger Beobachter in Münster bin ich umgeben vom Katholikentag. Viele Menschen mit erleuchteten Gesichter und ergriffenen Mienen in Goretexjacken und Wanderrucksäcken.

 

Damit man sie nicht mit den Radwanderern aus dem Umland verwechselt, trägt die Masse der Frommen&Gemeinschaftlichen blaue Kirchentagsschals.

In diesen Tagen macht jeder so seinen Gewinn. Den vielleicht sogar spirituellen die einen, den gewißlich materiellen die anderen:

Am Rand spielt eine Szene münsterländischer Frömmigkeit. In einer engen Gasse liegen einander eine Kirche (Schlaun, spätes Barock) und ein Restaurant (Eher 50iger Jahre, Traditionshaus) gegenüber. Das Restaurant hat Tische und Stühle auf die Gasse gestellt, die Kirche zwei Lautsprecher. Sechs bis acht Männer sitzen an einem der Restauranttische, keine dreißig Meter von der Kirchentür entfernt.

Die Herren gehören nach münsterländischen Kategorien zur Spezies stattlicher Mann. D.h. jeder von ihnen trägt 20 bis 25 Kilo Übergewicht, zumeist am Bauch und im Nacken. Hutfreundliche Kurzhaarfrisur, schwarze Hose, weißes Hemd, graue Hosenträger.
In der Kirche beginnt die Messe. Man hört die Frommen&Gemeinschaftlichen. Die alten Herren haben ihre Plautzen gegen den Tisch gedrückt, die Biergläser wanken. Die Herren trinken, rauchen, reden.
Als aus der Kirche und den Lautsprechern die Fürbitten ertönen, setzen sie die Gläser ab und singen im Chor mit. Nuschelnd. Pflichtbewusst.
Die Messe nähert sich dem liturgisch entscheidenden Akt der Wandlung. Die Herren bestellen frisches Bier.
In Münster ist man jederzeit ein frommer Katholik.

 

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