Die guten Menschen und die sehr guten Menschen

von Paul Stänner

Eine internationale Kosmetikfirma hat Werbung gemacht mit einem dunkelhäutigen Model. Sehr dunkelhäutig. In einem Videoclip zog dieses Model ihren Pullover aus und es erschien eine weißhäutige Frau auf dem Bildschirm. Dann zog diese ihren Pullover aus und nun erschien eine dunkelhäutige Frau.
Das Verfahren läuft wie bei der russischen Puppe in der Puppe in der Puppe. Wäre es eine national-russische Puppe aus Putins Reich gewesen, hätte es vielleicht keinen Ärger gegeben.
Es war aber eine amerikanische Puppe in der Puppe, wenn man das überhaupt so sagen darf und damit explodierte der Skandal.
Wohlmeinende erkannten sofort das perfide Narrativ des Waschmittelproduzenten. Die Werbung, so die Wohlmeinenden, unterstellte, dunkelhäutige Frauen würden so aussehen wollen wie weiße und dazu böte ihnen der Konzern die richtige Seife.
„Rassismus!“ schrieen die Wohlmeinenden. Denn, dass eine dunkelhäutige Frau etwas anderes zu haben wünschen könnte als eine dunkle Haut, ist ihnen schlichtweg unvorstellbar. So zu denken galt als typisches Zeichen weißen Überlegenheitsdünkels. Inakzeptabel! Nicht hinnehmbar! Schwarze denken so nicht!
So etwas durfte nicht sein. Eine schwarze Frau hat gefälligst stolz und begeistert zu sein von ihrer Haut und nie und nirgends etwas anderes wollen.
Jetzt stellt der inkriminierte Seifensieder nicht nur Waschmittel her, sondern auch Sonnenschutzmittel. Diese verkaufen sich gut, weil in jeder Sonnensaison Millionen von hellhäutigen, regelrecht weißen, Frauen ins Freie eilen, um sich bräunen zu lassen. Danach habe sie ein so großes Verlangen, dass sie dafür auch Nachteile in Kauf nehmen, als da wären trockene Haut, Sonnenbrand, Farbveränderungen von hellbraun bis tiefschwarz. Hautkrebs ist eine anerkannte und akzeptierte Begleiterscheinung.
Weiße Frauen tun dies, weil sie, und sei es nur für wenige Urlaubswochen, ihre Hautfarbe verändern möchten. Abgesehen von Hautärzten erregt sich aus dem Sektor der Wohlmeinenden niemand über diese Gewohnheit.
Offenbar dürfen weiße Frauen etwas, was schwarze Frauen nicht dürfen – sich mal `ne andere Farbe wünschen. Während die weiße Frau das Privileg hat, nach individuellem Geschmack und Vorlieben mal in die eine, mal in die andere Richtung der Farbskala Schönheitsideale zu entwickeln, wurde es von den Wohlmeinenden der dunkelhäutigen, erst recht der schwarzen Frau auferlegt, immer nur das eine zu wollen. Den status quo.
Was bedeutet, dass wieder einmal die Dunkelhäutigen zum Objekt degradiert werden, denn sie haben gefälligst so sein zu wollen, wie die Wohlmeinenden entschieden haben.
Niemand aus dem Sektor der Wohlmeinenden beschwert sich darüber, dass der als rassistische verfluchte Konzern auch so genannte selbstbräunende Cremes anbietet. Damit kann sich die modisch flexible Frau sogar ganz ohne Sonne die Hautfarbe einer anderen – „Rasse“ darf man ja wohl nicht sagen – einer anderen Menschlichkeit zulegen. Was natürlich von diesem Konzern schon wieder rassistisch gedacht ist, denn diese selbstbräunende Creme ist ja wohl einzig auf die weiße Kundschaft zugeschnitten, die dunkelhäutige wird als Konsumentin nicht einmal in Betracht gezogen und kann sehen, wo sie bleibt.
Egal, was man tut, die Wohlmeinenden haben recht und sind laut. Und wenn die Wohlmeinenden entscheiden, dann entscheiden sie immer richtig, denn sie sind die einzig wahren Wohlmeinenden.
Die internationale Kosmetikfirma hat sich entschuldigt und die Werbekampagne zurückgezogen.
Wissenschaftliche Untersuchungen zufolge ist es überhaupt nicht möglich, allein durch Waschen seine Hautfarbe zu verändern. Aber das interessiert in diesem Zusammenhang ja wohl niemanden.

Advertisements