Skulp-touren in Münster

In Zehnjahresabständen veranstaltet Münster eine große Skulpturenschau. Die Stadt ist die Galerie, an allen möglichen Orten sind moderne Skulpturen aufgestellt, noch zusätzlich dazu sind etliche aus früheren Schauen in der Stadt geblieben und können besucht werden. Nach und nach, über die Jahrzehnte verwandelt sich die Stadt allmählich in ein Großraum-Museum. Das wäre eine Reise wert – schon heute.

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Münster – es regnet gern mal in Münster, also macht man aus der Not eine Tugend eine Skulptur

Meine Lieblingsskulptur – und das sagt wahrscheinlich einiges über mein Kunstverständnis aus – ist noch immer das Kunstklo unter dem Marktplatz. Über Jahre hatten sich Menschen beschwert, wenn man mal müsse, könne man nicht, weil die öffentlichen Toiletten so unästhetisch seien. Also hat Hans-Peter Feldmann bei der skulptur projekte münster 2007  die Damen – und Herrenklos unter dem Markt künstlerisch aufgewertet.

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Jetzt sehen sie aus wie die Dekoration einer Peking-Oper (zumindest der männliche Sektor, auf der anderen Seite war ich nicht, um Ärger zu vermeiden), was aber den Aufenthalt deutlich angenehmer macht. (Mehr dazu in meinem Buch „111 Orte im Münsterland, die man gesehen haben muss“)

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Die Gegenwart sieht zum Beispiel so aus: Koki Tanaka hat acht Menschen aus Münster an einem Tisch zusammen geholt, um über die Frage zu diskutieren Wie zusammen leben ? Die Gespräche wurden aufgezeichnet und werden nun in acht Videosequenzen abgespielt – in kalten, gekachelten Räumen, die früher vielleicht zu einer Großküche oder einer Schlachterei gehört haben. In einem ganz und gar unheimeligen Raum werden Erfahrungen verglichen und wird die Zukunft der Menschheit diskutiert. Mir erschien das beklemmend und herausfordernd zugleich.

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Eine der weniger verständlichen Einrichtungen: Eine erkennbar zwecklose Unterführung, die auf einem Parkplatz auf der einen Seite hinunter, auf der anderen hinaufführt. Man hätte auch auf gleicher Ebene um das Ganze herumlaufen können. Der Durchgang ist versperrt. Offiziell heißt es: „Bartholl setzt sich … mit der zunehmenden Digitalisierung auseinander. Die drei Installationen … basieren auf thermoelktrischen Apparaturen, die Feuer – das erste Kommunikationsmedium überhaupt – direkt in elektrische Energie umformen.“

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Was sich dem Betrachter, der staunend vor dem verschlossenen Geländer steht, einfach nicht mitteilen will. Andererseits kann natürlich sein, dass diese Tiefbauplastik uns daran erinnern will, dass alljährlich viele Millionen Steuergelder durch falsch geplante Maßnahmen verschleudert werden – aber daran muss uns nun wirklich kein Künstler erinnern. Wir lesen alle die Zeitung… Also die Frage: Was soll uns das?

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Dean Martins Skulptur beginnt vor dem LWL Landesmuseum (fabelhafter Bau!) Was diese darmartige Verschlingung darstellen soll, bleibt geheimnisvoll. Jedenfalls ist sie – laut Kuratoren-Beschreibung – der äußerliche Teil einer Installation, die auf der Straße beginnt, dann ins Gebäude hineinführt, ohne dass deutlich wird, zu welchem Zweck sich die Materialien, die aussehen wie aus einem Abrisshaus entwendet, hier versammelt haben.

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Der Lichthof des LWL ist mit Plastikplanen verhängt, in die Gucklöcher eingeschnitten sind, und zwar in Augenhöhe des Künstlers Michael Dean, seiner Frau und seiner Kinder, was auf eine märchenhafte Weise bedeutungsvoll erscheint, sonst hätte uns der Kurator das nicht eigens mitgeteilt, nehme ich an.

Wenn man sich darüber beklagt, dass Kunst gelegentlich sehr hermetisch sein kann und nur Vorgebildeten zugänglich – dasselbe gilt für die dazu gehörende Katalog-Lyrik. Auch sie ist fern der täglichen Verständigung.

Nachdem das Werk von der Straße in das Museum gelangt war, wo es zu einem musealen Kunstobjekt geworden war, verlässt es als solches wieder das Museum und geht hinaus auf die Straße -das ergibt Sinn, wenn man einen Katalog schreibt, aber der Münsteraner ist an diesem Sinn nicht interessiert – wohl aber an einer Stange, an der er sein Fahrrad anschließen kann, denn Münster ist eine Fahrradstadt.

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Die hermetische Variante der Kunst ist aber nur die eine Seite – dann gibt es noch eine Kunst, die man gleich versteht, wie diese Gruppe von Nicole Eisenmann.

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Die herumlungernde Gestalten sind nur locker bekleidet und bilden ein „queeres Arkadien“. Eisenmann betone, sagt der Katalog, Körperlichkeit und Sexualität.

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Und das scheinen im katholischen Münster einige Menschen von der ganz streng bürgerlichen Fraktion nicht geschätzt zu haben, jedenfalls wurde der Figur auf der linken Bildseite der Kopf abgeschlagen.

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Es ist halt doch was Eigenes, aber irgendwie Reizendes mit der Kunst.

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