Tauber, DHL und die tachogene Weltfremdheit

von Paul Stänner

CDU-Generalsekretär Peter Tauber hat einen Aufreger produziert. Er hat einem Gesprächspartner auf Twitter geschrieben: „Wenn Sie was ordentliches gelernt haben, dann brauchen Sie keine drei Minijobs.“
Dazu kann man Unterschiedliches sagen: Manche werfen Tauber wegen seiner herablassenden Art „Arroganz der Macht“ vor. Ich würde von „Arroganz des Arbeitnehmers“ sprechen – Peter Tauber hat Geschichte studiert und das Studium sogar abgeschlossen, hat es aber nur bis zum höchst umstrittenen Generalsekretär der CDU gebracht. Ich sehe also keinen Grund, arrogant zu werden.
Dass er nun erneut einige Wählerstimmen abgeschossen hat, wird bei etlichen in der CDU den Gedanken aufkommen lassen, ein Minijob wäre für Peter Tauber doch eher das, was seinen Fähigkeiten am besten entspricht.
Die anderen fragen sich, ob Peter Tauber was Ordentliches gelernt hat, weil er in der deutschen Grammatik Unsicherheiten zeigt: In Falle seines Tweets hätte man „Ordentliches“ groß schreiben müssen.
Ich denke an den Philosophen Odo Marquard, den Tauber während seines Geschichtsstudiums in Frankfurt gelesen haben sollte. Marquard hat den Begriff der „tachogenen Weltfremdheit“ geprägt. Er meinte damit, dass die Menschen, die aus der Evolution ein eher gemächliches Tempo gewohnt sind, sich in einer Welt zunehmend fremd fühlen, in der die Technik sich rasend schnell entwickelt und alles verändert.
Andere Philosophen widersprachen: Die meisten kämen gut mit ihren Autos zurecht, obwohl sie nicht wüssten, wie der Anlasser funktioniert. Oder sie könnten von ihrer Armbanduhr die Zeit recht präzise ablesen, obwohl sie von der Elektronik darin keinerlei Verständnis hätten.
Odo Marquard galt als widerlegt.
Nun kommt Peter Tauber. Und twittert. Er benutzt ein Medium, das sehr modern und sehr schnell ist. Und da geschieht ihm, dass die Rasanz dieses Mediums die evolutionsbedingte Bräsigkeit seines Denkens einfach stehen lässt. Eigentlich sollte Peter Tauber seine Gedanken vor der Veröffentlichung zwei oder drei Mal überprüfen. Und sich die Frage stellen: Ist es richtig, was ich denke? Ist das, was mir im Kopf umher geht, wirklich sinnvoll? Muss es sein, dass ich jetzt was sage oder halte ich besser den Mund?
Wenn er seine wacklige Position in der CDU richtig einschätzt, wäre letzeres sicher die beste Option gewesen.
Aber nein, verführt durch die technischen Möglichkeiten des Mediums feuerte Tauber seinen Gedankenblitz ab, so, wie er entstanden war.
Wir kennen das bereits von Donald Trump, dem Gott der peinlichen Bemerkungen. Trump hat den Politikern dieser Welt vorgemacht, wie man in hoher Kadenz Bemerkungen raushaut, die sachlich falsch und im Tonfall beleidigend sind. Gäbe es die Technologe des Twitterns nicht, könnte eine nachgeordnete Stelle in Trumps Administration vielleicht noch helfend, korrigierend, beschwichtigend eingreifen – aber die Technik des schnellen Mediums verführt dazu, den ersten Gedanken gleich für den besten zu halten und in die Welt zu posaunen.
Odo Marquard hatte doch recht! Trump und Tauber sind beklagenswerte Opfer des Fortschritts, das Hirn ausgesogen von der atemberaubenden Beschleunigung der Technik.
Sind sie Einzelfälle? Bei weitem nicht: Erst vor kurzem hat der Postzulieferer DHL bekannt gegeben, er werde Pakete zum Mond liefern. In drei unterschiedlichen Größen. Technisch sei das jetzt möglich. Begeistert von den maschinellen Optionen hatten die Paketboten vergessen, dass es dort keine Empfänger gibt. Dass der Quatsch technisch denkbar, aber vollkommen sinnlos ist. So wie ein Tweet von Trump oder Tauber.
Auch DHL ist ein Opfer der „tachogenen Weltfremdheit“ geworden.
Andererseits – man will ja nicht übertrieben skeptisch sein. Ich wohne in einem Dachgeschoss. Seit Jahren bekomme ich keine Pakete mehr zugestellt, sondern nur noch Benachrichtigungen in den Briefkasten im Erdgeschoss geworfen. Dann kann ich mir mein Paket selbst abholen.
Sollte es DHL eines Tages schaffen, einen Empfänger auf dem Mond ausfindig zu machen und ihm ein Paket zu bringen, könnten sie auf dem Weg dorthin auch bei mir liefern. Das wäre mal ein technischer Fortschritt, an den ich mich gewöhnen könnte.

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