Salzburg & Jedermann & und Geld und Teufel

 

 

Zum „Jedermann“nach Salzburg:

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Das Spiel beginnt mit einem Maskenumzug der Darsteller, Das Spiel beginnt mit einem Maskenumzug der Darsteller,

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die zum Dom ziehen, umgeben von vielen Menschen, die sich dicht an die Figuren und Musiker drängen, um mit Handys oder Tablets Fotos zu machen.

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Dann vor dem Dom eine langgezogene Bühne quer zum Gotteshaus. Der Bühnenbau ist sparsam, eine erhöhte Fläche als Spielort, eine Reihe von Tischen für ein Gelage, Pfosten, um Tücher hochzuziehen oder Engel in der Luft schweben zu lassen.

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Faszinierend die Puppen: der riesige Kopf des Mammon, der aus einer Geldkiste herauskommt (wie kam er da hinein?) und dann kommen noch Arme und Beine dazu, die der Figur angesteckt werden. Aus dem Kopf erhebt sich noch der Schauspieler des Mammon, der im Kopf seine Spielfläche hat.
Einleuchtend und ergreifend auch die Puppe, die Jedermanns gute Taten darstellt: sie ist klein und schmächtig mit dünnen Ärmchen und Beinchen, die die Schauspielerin mit Stöckchen bewegt – natürlich sind die guten Taten unterernährt, selbst hilfsbedürftig und doch sind sie es, die den Jedermann vor der Verdammnis retten müssen. Sie und der Glaube. Wenn es denn gut geht….

Ergreifend: Der lange, langsame Gang des Todes von rechts nach links mit einem toten Mädchen auf dem Arm, nur um dem Jedermann eine Mahnung von gerade einmal einem Satz zuzurufen, dass er die Zeit nicht verschenken soll.
Das Publikum – atemlos still. Gelegentlich weibliches Gekicher, weil der Teufel, ein rot gekleideter, feister, urviehhafter Mann mit gewaltigem Gemächt, seine Genitalien angeberisch & lustvoll schaukeln lässt.
Im Publikum Arzt und Polizei – wer immer den westlichen Lebensstil verachtet, hätte hier reichlich zu verachten. Man hat Geld (die Eintrittskarten sind nicht billig, ich habe für einen Platz in Reihe 14 €105 gezahlt) und zeigt dies auch in der Kleidung. Vele Frauen tragen Dirndl oder doch eine aufgewertete Version, die auf die alte Tracht zurückgeht. Männer tragen vielfach Lederhosen, knielang, und verziert mit aufgenähten Applikationen oder eingepunzten Mustern. Man trägt, was ich schön finde, regionalen Chic. Der geht schnell in den vierstelligen Bereich, vor allem, wenn er in Salzburg gekauft und bezahlt wurde.

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Nach dem Stück die andere Parade – nicht mehr Schauspieler mit grotesken Masken, die mahnen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat, sondern schwarze Nobel-Audi mit jungen Fahrern in schwarzen Anzüge, weißen Hemden und schwarzen Krawatten – die Großkopfeten und die anonymen Banker lassen sich standesgemäß aus der Gefahrenzone tragen.

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Das Lokal vor Mozarts Geburtshaus (wie eine große Schrift verkündet) versammelt nach der Vorstellung die feine Gesellschaft Salzburgs in Dirndl, Lederhose und Armanis zum Champagner an den Tischen mit gesteiften, weißleinenen Decken oder (für die, die mehr brauchen und das zügig) am Stehtisch nahe dem Tresen.
Ein Kenner der Stadt empfindet den „Jedermann“ als masochistisches Spiel – in Salzburg gibt es eine reiche Oberschicht, die auch gern zeigt, was sie hat – und die lässt sich im Stück erklären, wie unwichtig Geld ist und wie wichtig dagegen gute Taten.
Autor Von Hoffmannsthal und Erst-Regisseur Max Reinhardt (der vor Salzburg ein Schloss besaß, das später die Nazis als jüdischen Besitz enteignet haben) haben das Stück als moralisch-monetäres Gruselspielevent konzipiert. Die Konfliktstellung: Glaube-an-das-Geld versus Glaube-an-Gott/Kirche.
Ist das glaubwürdig? Zumal die prachtvolle Domfront als Kulisse ja eben nicht von der Verachtung des Geldes zeugt: Genau genommen denkt die Kirche über Geld ganz anders.
Am Ende ziehen alle in einem lustigen Festumzug dem Tod (ganz in weiß) hinterdrein.

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