Brügge & Tod & Pommes

 

 

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Es ist Juni und Brügge ist schon voll von Touristen. Und ich mittendrin.

Ich erlebe das erstaunliche Habitat des Beginenhofes, eines Ensembles weißer Häuser um eine große, baumbestandene Grünfläche. Die Einrichtung selbst stammt aus dem 13- Jahrhundert. In der Kirche, die den Kern dieses Ensembles ausmacht, sehen sie einige der Bewohnerinnen des Beginenhofes, der seit 1939 von Benediktinerinnen belebt wird. Dabei eine alte Nonne, ganz in weiß, ganz gekrümmt, wie um einen inneren Kern zusammen gezogen, den Buckel steif gemacht gegen die Welt, vor der sie sich ins Kloster gerettet hat. Bei ihrem Alter – was hat sie nicht alles gesehen und wie recht hat sie, den Rücken zu einem Schutzschild zu krümmen, wie eine weiße Schildkröte ihren Panzer.

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Auf der Hoogstraat und auf dem Platz vor der Burg erlebe ich Brügge als Stadt von Pommes mit Majo  und Waffeln mit Schlagsahne. Die Welthauptstadt aller Sachen, die sich unmittelbar auf die Hüfte und die Plautze legen. Ein Geschäft neben dem anderen, in allen winden sich lange Schlangen. Pommes und Waffeln zu essen scheint ein touristisches Ritual zu sein. In Berlin muss man – je nach Altersgruppe – in einem Club oder auf der Museumsinsel gewesen sein –  in Brügge muss man Pommes und Waffeln zu essen. Wobei man erstaunt ist, was die Waffelnbäcker alles auf die Waffel packen – Schlagsahne ist nur die Basisbelag.

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Ich erlebe die Architektur einer reichen, fast angeberisch reichen Stadt des 15.16. Jahrhundert. Die Häuser aus mehreren Jahrhunderten punken mit Dekor, Girlanden, Steinarbeiten und reichlich Gold zeigen, man hat es zu was gebaracht und möchte dafür respeiert, wenn nicht bewundert werden. Man kann über diese Demonstration unterschiedlicher Meinung sein, aber mir scheint es, dass sich die Angeber damals mehr Mühe mit der künstlerischen Gestaltung ihrer Häuser gegeben haben.

Ich ziehe weiter auf den Burgplatz und dort vor den alles dominierenden Belfried. Der ist großer Turm (83m, es heißt, kein Gebäude in Brügge dürfe höher gebaut werden) und die frühere Brandwache von Brügge. Und belausche deutsche Touristen bei filmwissenschaftlichen Erläuterungen: Der Belfried ist jener Turm, den in dem Film „Brügge sehen und sterben“ monströs übergewichtige amerikanische Touristen besteigen wollen. Sie fragen den Protagonisten des Films, ob man da hinauf könne. Der ist skeptisch: Bei der Wendeltreppe? – Was genau wollen Sie damit sagen? – Ist für einen Elefanten nicht so einfach. – diese Bemerkung

im Filmdialog löst eine witzige Schlägerei aus .IMG_7435

Ich habe im Kopf „Das tote Brügge“ – den Roman von Georges Rodenbach von 1892. Darin verliert ein junger Mann seine Frau und zieht nun durch das tote Brügge, bis ihm durch einen Zufall eine junge Frau begegnet, aus der er die lebende Erinnerung an seine verstorbene Frau formen will…  In diesem roman besteht brügge aus „unbelebten Kanälen, mit häusern, deren Fenter „gebrochenen Augen“ glichen und so weiter, die Stadt ist ausruck seiner Trauer und Depression. Das Erstaunliche an diesem Roman ist, dass die Originalausgabe 35 Fotografien von Stadtansichten Brügges enthielten, in s/w, meist menschenleer (auf dem Foto vom Belfried findet sich versteckt an einer Straßenecke 1 Person) und und so grau-in-grau verschleiert, als sei damals schon die Stadt seit Jahrhunderten verlassen gewesen und von den Geistern der Verstorbenen bewohnt. Soweit ich weiß, war dies der erste Roman, bei dem auch Fotografien einbezogen wurden, um die Atmosphäre und die Ortsbeschreibungen zu unterstützten.

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Dieses Brügge finde ich zum Glück nicht – die Sonne schien, Tausende Menschen auf der Straße und über allem der Duft von Pommes.

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