Aachen & Karl & ich

von Paul Stänner

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Vor etlichen Jahren war ich zum ersten Mal im Dom zu Aachen. Ich bereitete eine Sendung für das Deutschlandradio Kultur vor und ließ mich von einer jungen Theologiestudentin durch die heiligen Hallen führen. Natürlich kamen wir auch vor den Kaiserstuhl Karls des Großen und ich erinnere mich, dass wir längere Zeit die Frage  hin-& her bosselten, ob ich mich mal kurz auf den Thron setzen dürfe. Sie meinte Nein, ich meinte, Ich würde aber gerne…, sie meinte erneut sehr strikt Nein. Aber in ihrem Auge konnte man die Angst sehen, ich würde meine Körpergewalt ausnutzen und mich einfach auf die Marmorplatte setzen, auf der schon Karl…. Ich habe das natürlich nicht getan, so bin ich nicht. Und die junge Theologin war zu nett.

Wahrscheinlich habe ich deshalb nicht mehr so viel vom Dom in Erinnerung behalten.

Jetzt, beim zweiten Mal, ist mir aufgefallen, dass der gesamte achteckige Raum des karolingischen Gebäudes und die Anbauten der folgenden Jahrhunderte ein einziger, riesiger Marmorsteinbruch sind. Karls Thron war aus schlichtem,  römischem Marmor (an einer Stelle kann man noch das eingeritzte Mühlespiel römischer Legionäre erkennen) also haben alle Nachfolger und Verehrer gedacht, noch mehr Marmor wäre unbedingt ein Akt der Anerkennung und Würdigung.

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Heraus kam ein Monument kalter Pracht. Man konnte sich offenbar nicht genug tun mit Marmorplatten unterschiedlichster Herkunft und verschachtelten Mosaikarbeiten. Dazu Gold und Edelstein in Mengen, feinste bewundernswerte Handwerksarbeit, geschaffen aus der Idee, Gott zu verehren – und der Welt zu zeigen, dass man schwer was auf der Tasche hatte und alle anderen nur kleine Kriechtiere im Reiches des Herrn waren.

Auch die Kanzel, auf der der Prediger steht, ist mit Gold und Edelsteinen verziert. Was vielleicht dem Prediger das morbide Gefühl eingab, er selbst sei schon wie eine heiligmäßige Reliquie verpackt, wie der Karlsschrein und der Marienschrein, die weiter hinten goldfunkelnd in der Apsis stehen. Für Nicht-Katholiken ist es wohl eine drollige Geschichte, dass hier u.a. Jesu Windeln aufbewahrt werden sollen, andererseits erscheint das Aufbewahren heiliger Pampers menschlicher als die üblichen Knochen und womöglich die vertrockneten Herzen, die an manchen Orten ausgestellt werden.

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Mein persönliches Highlight ist in der Schatzkammer in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom der Passionsaltar, der von 1515 bis 1520 von einem unbekannten Meister gemalt wurde. Das dreiteilige Altarbild zeigt das Leiden und die Kreuzigung Jesu.

Ich bin zögerlich, wie man das bei neuen Dingen so macht, auf das Bild zugegangen. Und habe mich dann darin verloren.

Diese Gesichter, diese Gestalten!

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Keine zwei Personen gleichen einander. Jedes Gesicht auf dem Triptychon ist – mit Falten und Bartschatten und Hängebacken – so individuell, dass man glaubt, man könne den Ernährungszustand, die Lebensgeschichte und den Beruf von der Haut ablesen. Leicht zu erkennen sind natürlich die fetten Maden der Honoratioren, die dickmopsig auf großen Pferden hocken. Dann aber die harten, von Arbeit geprägten Gesichter der Soldaten und Bauern, die den Gekreuzigten umgeben! Ein Reiter wird gar als Syphilitiker dargestellt. Ein kleines Kind, das Gesichtszüge wie vom down-Syndrom trägt, spielt mit einem Affen.

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Aller Glanz und alles Elend dieses irdischen Jammertals sind in dieser Bildgeschichte enthalten. Unten schnappt ein Hund nach einer Fliege. Der normale Alltag einer Kreuzigung eben.

Und witzig: Die Pferde haben – entgegen der Natur – ihre Augen nicht an den Seiten ihrer Köpfe, sondern vorn. Wie heute in Kinderbuchdarstellungen. Dadurch schauen sie nahezu menschlich und auch sie sind ganz eigene Charaktere.

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Ein wenig weiter in der Schatzkammer findet sich ein Bild, auf dem Jesus? von mehreren Frauen umgeben ist. Der Künstler hat mit der Schablone gearbeitet, ihre Gesichter sehen aus wie geklont.

Der Meister des Passionsaltars dagegen hat sich, wie bei einem durchdachten Drehbuch, die Mühe gemacht, für jede einzelne Figur eine „Backstory“ zu erfinden, um ihr eine eigene, unverwechselbare Geschichte zu geben. Das Triptychon ist wie ein faszinierenden Film in drei Episoden.

Ich könnte Stunden vor dem Bild verbringen.

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