moepkenbrot

Möpkenbrot ist eine westfälische Spezialität aus Blut, Schwartemasse und gewürfeltem Speck, dazu Roggenmehl oder Roggenschrot. Am besten schmeckt es heiß aus der Pfanne. Möpkenbrot macht satt und glücklich. In diesem Zustand neigt der Westfale dazu, die Welt mit heiterer Gelassenheit zu betrachten.

Monat: April, 2016

Die Queen & Denkmäler in London & ich

Ich bin in London gewesen. Zum Geburtstag der Queen. Selbst als Republikaner muss man einräumen, dass sich die Dame bewundernswert gehalten hat – als Person und als Institution. Bei uns würde nicht einmal der gewählte Präsident so viel Zustimmung und – ja! – Zuneigung erwarten können, wie in Großbritannien die Königin. Natürlich gibt es Leute, die sie nicht mögen, die die ganze Einrichtung der Monarchie nicht mögen,  aber die gehören auf ihrer Seite ebenso zur royalistischen Folklore wie auf der andere Seite die Queen selbst.

Die Times verglich die Monarchie mit der EU: beide seien teuer, ineffizient, und weit davon entfernt, perfekt zu sein – aber man brauche sie eben.

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Das war sie in Windsor, an Ihrem 90. Geburtstag und immer noch stark mit der Winkhand.

Später in London fiel mir auf, wie viele Denkmäler im Regierungsviertel stehen. Jeder Lord/ Viscont / General, der einmal dazu beigetragen hat, das Empire zu vergrößern oder die Aufstände der Kolonisierten nieder zu schlagen, ist in Lebensgröße wie ein 3-D-Hologramm dargestellt. Die Helden sind zahlreich, die Straßenecken werden schon knapp.

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Während die Vertreter der militärischen Macht statisch und herrisch dargestellt werden, neigen die Briten dazu, ihre Politiker in möglichst dynamischen Posen zu verewigen.

Zum Beispiel so:

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Oder So:

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Korrekturen an diesen Werken sind eher kosmetischer als politisch-historischer Natur:

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Es fällt schon auf, dass die Erinnerung an bedeutende Persönlichkeiten, denen die Nation sich verpflichtet fühlt, in superrealistischen Skulpturen eingefangen wird, so, als seien die dankbar Erinnerten eben in ihrer Bewegung erstarrt und eigentlich noch lebendig. Wie diese Panzersoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg.

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Umso irritierender ist es, wenn das große Denkmal, das nahe Westminster den Frauen gewidmet ist, die im Zweiten Weltkrieg in vielen Positionen den Kampf gegen Nazideutschland mitgekämpft haben, gesichtslos, körperlos, unpersönlich gestaltet ist. Es ist fast so, als habe man nicht der Personen gedenken wollen, sondern ihrer abstrakten Stärken: ihres Aufopferungswillens, ihres Durchhaltevermögens und Patriotismus – so etwa.

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Aachen & Karl & ich

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Vor etlichen Jahren war ich zum ersten Mal im Dom zu Aachen. Ich bereitete eine Sendung für das Deutschlandradio Kultur vor und ließ mich von einer jungen Theologiestudentin durch die heiligen Hallen führen. Natürlich kamen wir auch vor den Kaiserstuhl Karls des Großen und ich erinnere mich, dass wir längere Zeit die Frage  hin-& her bosselten, ob ich mich mal kurz auf den Thron setzen dürfe. Sie meinte Nein, ich meinte, Ich würde aber gerne…, sie meinte erneut sehr strikt Nein. Aber in ihrem Auge konnte man die Angst sehen, ich würde meine Körpergewalt ausnutzen und mich einfach auf die Marmorplatte setzen, auf der schon Karl…. Ich habe das natürlich nicht getan, so bin ich nicht. Und die junge Theologin war zu nett.

Wahrscheinlich habe ich deshalb nicht mehr so viel vom Dom in Erinnerung behalten.

Jetzt, beim zweiten Mal, ist mir aufgefallen, dass der gesamte achteckige Raum des karolingischen Gebäudes und die Anbauten der folgenden Jahrhunderte ein einziger, riesiger Marmorsteinbruch sind. Karls Thron war aus schlichtem,  römischem Marmor (an einer Stelle kann man noch das eingeritzte Mühlespiel römischer Legionäre erkennen) also haben alle Nachfolger und Verehrer gedacht, noch mehr Marmor wäre unbedingt ein Akt der Anerkennung und Würdigung.

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Heraus kam ein Monument kalter Pracht. Man konnte sich offenbar nicht genug tun mit Marmorplatten unterschiedlichster Herkunft und verschachtelten Mosaikarbeiten. Dazu Gold und Edelstein in Mengen, feinste bewundernswerte Handwerksarbeit, geschaffen aus der Idee, Gott zu verehren – und der Welt zu zeigen, dass man schwer was auf der Tasche hatte und alle anderen nur kleine Kriechtiere im Reiches des Herrn waren.

Auch die Kanzel, auf der der Prediger steht, ist mit Gold und Edelsteinen verziert. Was vielleicht dem Prediger das morbide Gefühl eingab, er selbst sei schon wie eine heiligmäßige Reliquie verpackt, wie der Karlsschrein und der Marienschrein, die weiter hinten goldfunkelnd in der Apsis stehen. Für Nicht-Katholiken ist es wohl eine drollige Geschichte, dass hier u.a. Jesu Windeln aufbewahrt werden sollen, andererseits erscheint das Aufbewahren heiliger Pampers menschlicher als die üblichen Knochen und womöglich die vertrockneten Herzen, die an manchen Orten ausgestellt werden.

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Mein persönliches Highlight ist in der Schatzkammer in unmittelbarer Nachbarschaft zum Dom der Passionsaltar, der von 1515 bis 1520 von einem unbekannten Meister gemalt wurde. Das dreiteilige Altarbild zeigt das Leiden und die Kreuzigung Jesu.

Ich bin zögerlich, wie man das bei neuen Dingen so macht, auf das Bild zugegangen. Und habe mich dann darin verloren.

Diese Gesichter, diese Gestalten!

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Keine zwei Personen gleichen einander. Jedes Gesicht auf dem Triptychon ist – mit Falten und Bartschatten und Hängebacken – so individuell, dass man glaubt, man könne den Ernährungszustand, die Lebensgeschichte und den Beruf von der Haut ablesen. Leicht zu erkennen sind natürlich die fetten Maden der Honoratioren, die dickmopsig auf großen Pferden hocken. Dann aber die harten, von Arbeit geprägten Gesichter der Soldaten und Bauern, die den Gekreuzigten umgeben! Ein Reiter wird gar als Syphilitiker dargestellt. Ein kleines Kind, das Gesichtszüge wie vom down-Syndrom trägt, spielt mit einem Affen.

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Aller Glanz und alles Elend dieses irdischen Jammertals sind in dieser Bildgeschichte enthalten. Unten schnappt ein Hund nach einer Fliege. Der normale Alltag einer Kreuzigung eben.

Und witzig: Die Pferde haben – entgegen der Natur – ihre Augen nicht an den Seiten ihrer Köpfe, sondern vorn. Wie heute in Kinderbuchdarstellungen. Dadurch schauen sie nahezu menschlich und auch sie sind ganz eigene Charaktere.

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Ein wenig weiter in der Schatzkammer findet sich ein Bild, auf dem Jesus? von mehreren Frauen umgeben ist. Der Künstler hat mit der Schablone gearbeitet, ihre Gesichter sehen aus wie geklont.

Der Meister des Passionsaltars dagegen hat sich, wie bei einem durchdachten Drehbuch, die Mühe gemacht, für jede einzelne Figur eine „Backstory“ zu erfinden, um ihr eine eigene, unverwechselbare Geschichte zu geben. Das Triptychon ist wie ein faszinierenden Film in drei Episoden.

Ich könnte Stunden vor dem Bild verbringen.

Soller & Sandsteinlicht & und eine Bimmelbahn

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Soller auf Mallorca ist eine Zeitreise, ein Ausflug in eine abgelaufene Epoche.

Im April ist die Stadt noch nicht überfüllt von Touristen, die Caféstühle auf dem Platz vor der Kirche sind erst zur Hälfte besetzt. Man hat das Empfinden, die Zeit laufe langsamer und sei immer schon langsamer gelaufen als anderswo.

P1010233Durch die Stadt zum Hafen rollt eine Straßenbahn, bei der große Teile der Karosserie aus Holz sind. Gemächlich bimmelnd ruckelt sie durch die engen Straßen, die Touristen stehen und schauen – die auf der Straße und die im Zug.

Eine Fahrt mit dem Bähnchen ist Nostalgie pur. Wo kann man bei einer Straßenbahn noch auf der offenen Plattform stehen? Und sich den „Fahrtwind um die Nase wehen lassen“? – so sprach man wohl in den Zeiten, in denen solche Züge noch allgemein üblich waren. Die Bahn zwischen Soller und dem Hafen ist eine perfekte Illusion, die das Gefühl erweckt, an etwas Vergangenem teilzuhaben. Und damit auch die perfekte Illusion für den Urlaub – man ist nicht mehr in der gewöhnlichen Welt, nicht mehr im alten Leben – man ist fort.

 

Die sandfarbenen Häuser von Soller reflektieren ein besonderes, weiches, gelb getöntes Licht. Dieses Sandsteinlicht fließt durch die bunten Glasmosaiken der dekorativen Türrahmen des Can Prunera und gibt den Innenräumen Helligkeit und Farben.

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Das museu modernista ist ein großes Haus aus der Epoche des Jugendstil, vermutlich war es mal sehr herrschaftlich. Nun ist es das sehr herrschaftliche Museum für bedeutende Maler, Man Ray, Paul Klee, Joan Miró natürlich, aber auch Georg Baselitz.

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Viele Möbel aus der Bauzeit stehen noch in den Räumen, dazu originale Leuchtkörper und eine sogartig wirkende Wendeltreppe, die den Besucher gleichsam ins Dachgeschoß zieht. Wieder kann man kann sich weg denken in jene Zeit, als dieses Haus und die Straßenbahn draußen neu waren. Na gut, ein in Dauerschleife laufendes Interview mit einem mallorquinischen Maler, dessen Namen ich leider vergessen habe, stört die Illusion und kann einem leicht auf den Zeiger gehen.

Also wieder runter, in die ruhige Räume, wo die schönen Bilder hängen. Man setzt sich.

Dafür gibt es nur die Treppe, macht nichts, schön ist es und entrückt.

Regen & Mallorca & Warten auf die Sonne

Es regnet. Es regnet auf Mallorca! Es gießt! In den Osterferien! Dazu ein kalter Wind, man möchte nicht Schaf sein auf einer der umliegenden Weiden.

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Eigentlich glaubt man, als deutscher Tourist einen abgesicherten Anspruch auf Malle-Sonne zu haben, der aber gelegentlich vom Wetter ignoriert wird. Während die Kollegen in El Arenal die Zeit nutzen, sich noch gnadenloser die Kante zu geben, komme ich in der ländlichen Idylle nahe Pollenca – wie der Westfale so sagt – schäbbig ins Nachdenken.

Alles ist fein. Das Ferienhaus in einem ruhigen Tal erfüllt alle Anforderungen. Die Ruhe traumhaft. Fern sieht man Radfahrer ziehen. Wenn die Sonne scheint…

Hier aß man in der Sonne

Bei der Gelegenheit: Mir scheint, wenn man mit dem Wagen hinter einer Gruppe von Radfahrern fährt, nehmen sie das Auto oft nicht wahr. Die Motoren sind  mittlerweile so leise geworden sind, dass die Laufgeräusche der Fahrräder für den Radfahrer lauter sind als die Geräusche des Autos, das sich hinter dem Pulk eingereiht hat. Im krassen Gegensatz dazu fallen die Motorradfahrer auf. Auch sie sind hier in Gruppen unterwegs, mit riesigen, zweisitzigen, amerikanischen Maschinen. Während alle PKW/LKW-Motoren auf leiser getrimmt werden, wird den Harleys und ähnlichen Egoboostern durch Ingenieursleistung ein dröhnendes Blubbern eingearbeitet, das niemand überhören kann. In einer lärmigen Großstadt nicht – und in den verschlafenen, kleinen mallorquinischen Dörfern erst recht nicht. Dröhnend wie mit Panzerfahrzeugen rollen die Gangs  durch die engen Straßen und treten auf wie eine Besatzungsmacht. Die Krieger sind allesamt Rentner, die wohl noch einmal von sich hören lassen wollen, bevor sie die Zündschlüssel abgeben. Man wünscht ihnen nichts Gutes.

Während es also regnet und man die schon gelesenen Bücher über den Daumen durchblättert, ob sich noch eine übersehene Seite findet, lässt man Revue passieren, was besser werden muss:

Beim nächsten Mal unbedingt eine Stirnlampe mitnehmen! Erfahrungsgemäß sind die Lampen in Ferienhäusern, -wohnungen so verteilt, dass sie dekorativ ihre eigenen Füße und Kippschalter beleuchten, nicht aber das Buch auf meinem Schoss. Was zu schmerzhaften Verrenkungen zwingt, wenn man im Sofa sitzend das Buch in die Nähe einer Lichtquelle zu bringen versucht. Was wiederum dazu zwingt, dass man sich nach einiger Zeit von der schmerzenden rechten auf die noch unbelastete linke Seite wenden muss. Die ihrerseits anfängt, mit Schmerzen zu protestieren. …. Ein Dilemma. Da hilft nur die Stirnlampe.

Ich weiß – die Fortschrittspartei verweist jetzt triumphierend auf den E-Reader. Aber ich bin ein Papiertyp. Und bleibe dabei. Größtenteils.

Des weiteren: beim nächsten Mal unbedingt ein Küchenmesser mitbringen. Die Küchenmesser in Mietwohnungen sind notorisch stumpf. In dieser Wohnung liegen drei Messer, bei denen es völlig egal ist, ob ich mit dem Klingenrücken oder der angeblichen Schneide oder dem Griff schneide. Ich schneide nicht. Tomaten bleiben heil oder werden zerquetscht. Die Haut der Paprika muss erst mit einem beherzten Stich von oben durchbohrt werden, damit die Klinge überhaupt ins Fruchtfleisch eindringen kann.

Fleisch zu zerkleinern ist eine sehr männliche Aufgabe. Der Koch fühlt sich zurückversetzt in archaische Zeiten, als seine steinzeitlichen Vorfahren mit primitiven Werkzeugen wie Knochendolchen oder den eigenen Zähnen versuchten, Mammutfleisch für die Familie zu zerreißen. Die Laute, die der Koch mit dem schlechten Messer von sich gibt, klingen dann auch sehr steinzeitlich: Uaaarrrh! Haarrrr! Grrrrr!

Nach den Erfahrungen in mehreren Zeitwohnungen scheint mir sicher zu sein, dass es eine eigene IKEA-Produktlinie mit besonders stumpfen Messern gibt,  die ausschließlich in Ferienwohnungen ausliegt. Oder Einrichtungen für Demenzkranke und sonstige Selbstgefährder.

Zum dritten: Nie mehr ohne eigenes Tee-Service. Der Tauchsieder hier ist so von Kalk überzogen, dass auch das Mineralwasser aus der Flasche nach Kalk schmeckt, wenn es erhitzt wurde. Das hiesige Wasser ruiniert den Tauchsieder, die Kaffeemaschine und den Kaffee. Und beim Tee erst recht den Darjeeling, der sich nicht wehren kann, und sogar den kräftigeren Assam.

Wieder was gelernt.

Und jetzt: Schluss mit Denken! Sonne! Sofort!

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